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Mächtig gewaltig

Wirtschaft / Ausgabe Nr. 440 - Dezember 2008
geschrieben von Redaktion am 30.11.2008, 09:03 Uhr

Nicht kleckern, sondern klotzen ist das Motto des Berliner Projektentwicklers Reinhard Müller. Er wird das Stadtbild in Tempelhof-Schöneberg nachhaltig verändern. Am Schöneberger Gasometer wird die zweitgrößte Baustelle nach Schönefeld die Menschen in Atem halten.

Kürzlich fand eine große Veranstaltung im Rathaus Schöneberg anlässlich der Gründung des EUREF-Instituts statt, einer Hochschule für Energiewirtschaft, die bereits 2009 ihre Arbeit aufnehmen soll. Wir berichteten in unserer November-Ausgabe darüber und schrieben unter anderem:

„Das Thema Gasometer ist seit Monaten Thema in der Bezirksverordnetenversammlung. Eine Bürgerinitiative ist gegen das Projekt. Es passe nicht in den Kiez. Die Grünen im Bezirk haben sich der BI angeschlossen und betreiben seither Fundamentalopposition, womit sie sich weitestgehend in eine Abseitsrolle manövriert haben. Die Zählgemeinschaft aus SPD und CDU fördert das Projekt, und auch die FDP ist dafür. Auf der Seite der Bürgerinitiative bi-gasometer.de wird mit Beiträgen wie „Energie-Zentrum, Solar-Zentrum oder Berliner Sumpf“ Stimmung gegen das Projekt gemacht.“

Der Vorsitzende der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Jörn Oltmann (Foto), legte Protest gegen den Begriff „Fundamentalopposition“ ein. Er schickte uns eine E-Mail mit deutlichen Worten und einem Gesprächsangebot, das wir annahmen. Mit Jörn Oltmann unterhielt sich Ed Koch. In dem Gespräch unterstrich Oltmann, dass seine Fraktion nichts gegen die Erschließung des Geländes am alten Schöneberger Gasometer habe. „Fundamentalopposition“ habe man keineswegs dagegen betrieben. Richtig ist aber, dass sich die Grünen sehr kritisch mit den Bauplänen auseinandergesetzt haben.

Nicht weil groß an sich schlecht ist, sondern weil es nicht in das konkrete Stadtbild passe, sind die Grünen gegen die „mächtig gewaltigen“ Pläne des Investors. Weniger wäre bei dem Projekt mehr.

Der Gasometer in Schöneberg ist weithin sichtbar, warum Drumherum noch Hochhäuser gebaut werden müssen, ist den Grünen unverständlich. Oltmann: „Die Überdimensionierung der Geschossflächen und der Gebäudehöhen sind standortschädlich. Das Projekt selbst kann auch zum Erfolg geführt werden, wenn es die umgebenden Wohnquartiere nicht überragt.“ Ebenso haben sie Bedenken gegen die Ausweisung der Fläche als so genanntes Kerngebiet, das den Eigentümern erlaube, quasi zu machen, was sie wollen.

Die Grünen sehen sich mit ihren Bedenken nicht Ernst genommen. Die Rot-Schwarze Zählgemeinschaft in Tempelhof-Schöneberg ist aus Sicht der Grünen gegenüber den Plänen zu kritiklos. Anders sehen es die Grünen bei den Plänen, den bestehenden Cheruskerpark um die Nordspitze des Geländes zu erweitern. Dieses Vorhaben ist richtig. Allerdings kritisieren die Grünen, dass die Nordspitze zu Gunsten einer erweiterten Bebauungsfläche verkleinert wurde. Auch die an der Torgauer Straße befindlichen Gewerbeflächen in einen Park zu verwandeln, begrüßen die Grünen. Hier würde in einer eher grünarmen Gegend das Erholungsgelände für die Bevölkerung erweitert. Auf einer Pressekonferenz hat der zuständige Stadtrat Oliver Schworck (SPD) die Pläne vorgestellt.

Christian Kuhlo von Reinhard Müllers Unternehmen Konzeptplus stellte gemeinsam mit Dieter Peters vom Fachbereich Natur, und Stadtrat Oliver Schworck das Projekt vor. Zwei Millionen Euro lässt es sich der Investor kosten, das Gelände zu sanieren, das heißt 15.000 Tonnen Boden auszutauschen. Fast 100 Jahre lang hat die Gasag hier alles Mögliche abgelagert, was eben so übrig blieb bei der Erzeugung von Gas. 1.120 Fahrten mit Lastwagen, hat Christian Kuhlo ausgerechnet, sind erforderlich, um die 15.000 Tonnen ab- und 13.000 Tonnen unbelasteten Boden anzufahren. 345.000 Euro aus Mitteln des Stadtumbaus West stehen dann dem Bezirk zur Verfügung, um die neuen 7.000 Quadratmeter Park herzurichten. 2010 soll alles fertig sein. Rasen und Spielflächen werden das Bild bestimmen, natürlich wird der Park barrierefrei zu erreichen sein. Auf die Jugendlichen warten eine Skaterbahn und eine Streetballanlage. Eine unattraktive und noch eingezäunte Ecke des Bezirks wird sich in ein Erholungsgebiet verwandeln.

In einem Gespräch mit Reinhard Müller betonte dieser, dass man bitte zur Kenntnis nehmen müsse, dass der neu zu schaffende Park ohne das Gesamtprojekt um den Gasometer überhaupt nicht möglich gewesen wäre. Das Gelände, das in den nächsten Jahren eine neue Grünfläche werden wird, ist derzeit eingezäunt und darf wegen des belasteten Bodens nicht betreten werden.

In einer Reihe von anderen Punkten widerspricht Reinhard Müller den Argumenten der Bürgerinitiative und der Grünen, wohl wissend, dass BI und Grüne nicht ein und dasselbe sind. Die Diskussion darüber, was besser ist, ein Sonder- oder Kerngebiet, verstehen eigentlich nur Fachleute. Machen wir es insoweit verständlich, als dass den Befürchtungen bezüglich des Kerngebietes von Reinhard Müller vehement widersprochen wird. Es ist eben nicht so, dass der Bauherr im Kerngebiet machen könne, was er wolle, wie beispielsweise großflächigen Einzelhandel oder Vergnügungsstätten zu errichten. In dem städtebaulichen Vertrag, an den sich auch eventuelle Rechtsnachfolger zu halten haben, ist genau geregelt, was dort passieren darf und was nicht. Und großflächiger Einzelhandel und Vergnügungsstätten sind, so Reinhard Müller, explizit ausgeschlossen.

Ein weiterer Kritikpunkt bezieht sich auf die Größe der Gebäude. Man wolle keinen zweiten Potsdamer Platz in Schöneberg haben, war eines der Argumente der Projektgegner. Dem widerspricht Reinhard Müller nicht. Die normale Wohnbebauung auf der so genannten „Roten Insel“ ist 22 Meter hoch. Der Gasometer, der seit 100 Jahren an der Stelle steht, misst 82 Meter. Er ist und bleibt das mit Abstand größte Gebäude auf dem Areal. Lediglich einer der neuen Gebäude wird 55 Meter hoch sein, die anderen zwischen 29,5 und 33 Meter. Von einem zweiten Potsdamer Platz kann somit nicht die Rede sein.

Die Darstellung des zukünftigen Geländes auf der Internetseite der Bürgerinitiative ist „wissentlich falsch“, so Reinhard Müller. Angeblich seien die Zeichnungen von einem Architekten erstellt worden. „Mit so einem Plan wäre jeder Architekturstudent im Fach darstellende Geometrie durch das Vordiplom gefallen“, so Müller gegenüber paperpress.

Müllers Unternehmen hat im April/Mai an drei Sonntagen Informationsveranstaltungen für die Anwohner durchgeführt, nachdem vorher 1.000 Handzettel auf der „Roten Insel“ verteilt worden waren. Einige Hundert nahmen das Angebot an und schrieben ihre Eindrücke in ein ausliegendes Buch. Christian Kuhlo hat eine Zusammenfassung erstellt, die wegen ihrer positiven Darstellung angezweifelt wurde. Er kann sich des Eindrucks nicht erwehren“, als sei hier auch eine Menge Ideologie im Spiel“, so Kuhlo im Gespräch mit paperpress. Das würde auch bei einer Bürgerversammlung der Grünen deutlich, auf der der SPD-Bezirksverordnete Andreas Baldow und Christian Kuhlo scharf attackiert wurden.

Ein anderes Problem, das aufgebaut wurde, ist die Verschattung der jetzigen Wohngebäude durch die entstehenden Neubauten. Auch dem widerspricht Reinhard Müller. Die Abstände sind größer als normal, teilweise bis 43 Meter. Das ist in einer Stadt wie Berlin eher ungewöhnlich. Die Kritik, die es an seinen Plänen gibt, versteht Müller nicht. Was die Höhe der Gebäude anbelangt, ist er nach den ersten Überlegungen und der einsetzenden Kritik abgewichen, die Gebäude fallen jetzt alle deutlich kleiner aus. Warum aber gerade die Grünen seinem Projekt so ablehnend gegenüber stehen, kann er nicht nachvollziehen. Erstmals in Deutschland entsteht ein CO2 neutrales Stadtgebiet mit intelligenten Fassaden. Energieproduzierende Elemente werden in den oberen Etagen angebracht. Das gesamte Areal wird eine Bereicherung für die Stadt und vor allem den Bezirk sein. Nach einem Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung vom 19. November 2008, wird in absehbarer Zeit eine Einwohnerversammlung, veranstaltet vom Bezirksamt, stattfinden. Darauf freut sich Reinhard Müller.

Mit Reinhard Müller und Christian Kuhlo sprach Ed Koch.

Weitere Informationen unter: www.euref.de
www.bi-gasometer.de


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