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Nicht so überheblich, bitte!

Beiträge / Ausgabe Nr. 460 - August 2010
geschrieben von Redaktion am 26.07.2010, 15:52 Uhr

Natürlich ist in Berlin alles viel größer, schöner, sicherer. Schließlich sind wir die Hauptstadt, und schließlich wurde hier die Love-Parade erfunden. Hier gibt es die größte Fanmeile des Universums, und selbst Barack Obama hat noch nie vor so vielen Menschen gesprochen wie damals an der Siegessäule in Berlin. Die Sicherheitsmaßnahmen sind zweifelsohne in Berlin hervorragend. Sie wurden aber noch nie auf eine harte Probe gestellt. Trotz Ausweichmöglichkeiten und zahllosen Zugängen, könnte auch bei uns ein friedliches Fest aus dem Ruder laufen. Wenn Hunderttausende dicht an dicht stehen, könnte ein Funke eine Katastrophe auslösen. Wenn – aus welchem Grunde auch immer – sich die Masse in Bewegung setzt – egal in wie viele Richtungen – werden diejenigen, die zu Boden gehen, überrollt. Es besteht kein Grund zur Überheblichkeit oder zu einem herablassenden Blick auf Duisburg. Tatsache ist, dass wir bisher in Berlin sehr viel Glück hatten.

Was Menschen daran begeistert, sich in unüberschaubaren Massen aufzuhalten, kann ich nicht nachvollziehen. Es ist aber offenbar so, dass es den Beteiligten großen Spaß macht. Die Love-Parade nicht mehr durchführen zu wollen, ist richtig. Aber nur deshalb, weil der Name gemeinsam mit den 19 Opfern getötet wurde. Es wird über kurz oder lang etwas Ähnliches geben, weil die Leute es wollen, und weil sich immer jemand finden wird, der den Bedarf deckt. Veranstaltungen dieser Art kann man nicht verbieten. Aber jede Stadt muss wissen, ob sie dafür geeignet ist.

Eher zufällig habe ich mir am Samstagnachmittag die Übertragung des WDR von der Love-Parade im Fernsehen angeschaut. Zwar konnte ich nicht erkennen, dass es sich um eine Parade herkömmlichen Stils handelte, aber dass Tausende, Hunderttausende ihre Party feierten. Von dem Nadelöhr Zugang sah und hörte man nichts. Fritz Pleitgen, Geschäftsführer der Kulturhauptstadt Ruhrgebiet, zeigte sich während der Übertragung begeistert. Seine Tochter werde wohl neidisch sein, wenn sie erführe, wo sich Papa aufhält. Nun, sie wird froh gewesen sein, etwas anderes vorgehabt zu haben. Pleitgen, dessen Organisation nicht direkt an der Love-Parade beteiligt war, aber sie als eine Art Programmbestandteil verstanden wissen wollte, war angetan von der Party, denn den jungen Leuten im Ruhrgebiet müsse etwas geboten werden.

Die Pressekonferenz im Duisburger Rathaus am Sonntag um 12.00 Uhr war an Peinlichkeit nicht zu überbieten. Es war der Versuch, einer unendlichen Rechtfertigung, alles richtig gemacht zu haben. Oberbürgermeister Adolf Sauerland hatte schon vor der Pressekonferenz verlautet, dass die Schuld bei den Opfern selbst läge, die sich eben nicht richtig verhalten hätten. Mit dem Hinweis auf die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wurde jede Frage nach der Verantwortlichkeit abgewiegelt. Natürlich darf es keine Vorverurteilungen geben. Natürlich muss die Staatsanwaltschaft gründlich prüfen, wie es zu der Katastrophe kommen konnte. Und natürlich nützt es den Opfern und ihren Angehörigen nichts, wenn beispielsweise der Oberbürgermeister jetzt zurückträte. Einige Monate könne die Untersuchung laufen, verkündete die Staatsanwaltschaft angesichts Tausender von Zeugen.

Aber auch ohne die Untersuchungen abzuwarten, liegen doch Fakten auf dem Tisch, die es rechtfertigen würden, dass die ganze Gruppe derer, die an der Pressekonferenz beteiligt waren, ihre Ämter niederlegen. Allein, um ein Zeichen zu setzen. Es wird sich herausstellen, ob den OB eine persönliche Schuld trifft. Dem Größenwahn seiner Stadtverwaltung ist aber offenbar dieses Unglück zuzuschreiben. Auch wenn er keine persönliche Schuld haben mag, so muss er umgehend zurücktreten, um damit ein Zeichen der Entschuldigung an die Opfer zu setzen.

Es war sehr beeindruckend, als sich ein junger Mann bei n-tv für seine Stadt entschuldigte. Wann tut es ihm sein Stadtoberhaupt gleich? Unabhängig davon, ob der Zugang unzureichend war, erschreckend ist, dass die vielen Warnungen, die im Internet kursierten, nicht zur Kenntnis genommen wurden. Die Möglichkeit, dass es Todesopfer geben könnte, wurde explizit erwähnt. Ich frage mich auch, warum die Presse, die ja Kenntnis von diesen Warnungen hatte, nichts dazu beitrug dieses Spektakel zu verhindern? Wer bei so vielen Warnungen dennoch die Veranstaltung stattfinden lässt, hat sich auch ohne staatsanwaltschaftliche Ermittlungen schuldig gemacht, zumindest moralisch.

Bochum hat im letzten Jahr die richtige Entscheidung getroffen. Das um rund 90 qkm größere und gut 100.000 Einwohner mehr zählende Duisburg hat die Herausforderung angenommen und ist kläglich gescheitert. In eine Stadt mit etwa 500.000 Einwohnern, weit über eine Million Menschen einzuladen, ist unglaublich fahrlässig.

Ich weiß nicht mehr in welchem Sender, aber am Samstag lief ein Dokumentarfilm über die Challenger-Katastrophe. Der Raumshuttle explodierte am 28. Januar 1986 73 Sekunden nach dem Start. Sieben Astronauten kamen ums Leben. Schuld an dem Unglück waren ein paar Dichtungsringe aus Gummi, die sich beim Start ausdehnen und somit eine Dichtung verschließen sollten. Problem: bei 11 Grad Minus bleibt Gummi wie eingefroren in seiner Form, dehnt sich also nicht aus und wird seinem Dichtungszweck nicht gerecht. Die Herstellerfirma hat die NASA eindringlich darauf hingewiesen. Die Ingenieure des Unternehmens beugten sich letztlich den Managern, die vor allem das Geschäft mit der NASA im Auge hatten. Der Start erfolgte, und es geschah genau das, wovor die Ingenieure gewarnt hatten. Einer der Verantwortlichen verlor seinen Posten und wurde auf einen höheren versetzt.

Es kann nicht sein, dass die Verantwortlichen, die alle Warnungen ignorieren, letztlich davon kommen. In Duisburg muss in Kürze eine große Anzahl städtischer Bediensteter rausgeschmissen werden, am besten ohne Pensionsanspruch.

Ed Koch


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