In einem Bezirk, in dem es ganz überraschend immer mehr Spielhallen gibt, in dem 100.000 qm große Gelände verkauft werden, ohne dass das Bezirksamt davon weiß (oder doch?), kann auch irgendwer eine „Revolutionssäule“ vor das Rathaus Schöneberg stellen, ohne dass es jemand bemerkt. Vermutlich würde man auch den Diebstahl der Freiheitsglocke aus dem Turm des Rathauses nicht bemerken.
Dem Reporter der „Berliner Woche“, Horst Dieter Keitel, fiel allerdings die Säule auf und er fragte nach, zumal ihm der Text an dem Mahnmal etwas merkwürdig vorkam. Wie Keitel recherchierte, gibt es 16 dieser Säulen, 13 im Ostteil und drei im Westteil der Stadt. Das Land Berlin ist Eigentümer, Klaus Wowereit Schirmherr, die Robert-Havemann-Gesell-schaft Projektträger und die Lotto-Stiftung hat das Geld gegeben. Auf Nachfrage waren im Rathaus Schöneberg alle Stellen und Politiker überrascht. Offenbar ist ihnen dieses neue Erinnerungssymbol noch gar nicht im dichten Schneetreiben aufgefallen. Im Augenblick ist auch ein Bauzaun darum, so dass man den Text, der sich darauf befindet, nur schwer lesen kann. Und dieser Text hat es in sich (siehe nächste Seite). Das Rathaus Schöneberg ist ein historischer Ort. Es war das Machtzentrum West-Berlins bis zum Fall der Mauer und noch einige Jahre danach. Eine große Gedenktafel erinnert an den Besuch des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy am 26. Juni 1963. Sein berühmt gewordener Satz „Ich bin ein Berliner“, sprach er – obwohl es immer wieder behauptet wird – nicht vom Balkon des Rathauses aus, sondern von einer vor dem Eingang aufgebauten Tribüne. Nachdem der Senat (1991) und Abgeordnetenhaus (1993) ins Rote Rathaus bzw. in den Preußischen Landtag umgezogen waren, wurde es stiller am John F. Kennedy Platz. Und nachdem nun auch die Willy-Brandt-Ausstellung zum Jahresende 2009 das Haus verlassen hat, ist es nicht mehr, und nicht weniger als ein Bezirksrathaus, allerdings mit einer einmaligen und unvergleichlichen Geschichte, an die jeden Tag um 12 Uhr die Freiheitsglocke, ein Geschenk des amerikanischen Volkes an Berlin, mit ihrem dumpfen Klang erinnert.
All das ist erwähnenswert auf einer Hinweistafel. Die letzten drei Sätze auf dem beleuchteten Hinweisschild hätten sich die Aufsteller jedoch schenken können.
„Kohl wurde während seiner Rede ausgebuht. Vielen galt er als Kanzler, dessen Zeit abgelaufen war. Die ostdeutsche Freiheitsbewegung ermöglichte es ihm, zum Kanzler der Einheit zu werden.“
Als jemand, der am 10. November 1989 dabei war, und zwar ganz nah hinter dem Rednerpodium vor dem Eingang des Rathauses, mit Blick auf den Platz, kann ich natürlich bestätigen, dass der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl ausgebuht wurde. Aber von wem? Die alte West-Berliner Linke Szene hatte sich versammelt, und, man muss es so sagen, die Veranstaltung, in der es um die Freude über den Fall der Mauer ging, für ihr ideologisches Kasperletheater missbraucht. Kohl hätte Freibier für alle versprechen können und wäre von den linken Chaoten dennoch ausgebuht worden. „Vielen galt er als Kanzler, dessen Zeit abgelaufen war“. Das war 1989 vollkommen richtig. Nur mühsam überstand er im selben Jahr einen Putschversuch seiner Parteifreunde in Bremen. Ob er gegen Oskar Lafontaine die nächste Bundestagswahl gewonnen hätte, ist vielleicht fraglich. So gesehen hat ihm die Wiedervereinigung die Kanzlerschaft bewahrt. Mit dem Versprechen von den „blühenden Landschaften“ brachte er die Menschen in den „neuen Bundesländern“ dazu, ihn im Dezember 1990 zum ersten gesamtdeutschen Kanzler nach dem II. Weltkrieg zu wählen. Oskar Lafontaine, der auf die zu erwartenden Probleme in einem vereinten Deutschland hinwies, hatte keine Chance. Und auch die Bürgerbewegungen, die sich im Bündnis 90 sammelten und mit den Grünen später eine Partei bildeten, blieben abgeschlagen auf der Strecke. Eine besondere Form der Dankbarkeit der neuen freien Bürger Ostdeutschlands für diejenigen, denen sie maßgeblich die Freiheit zu verdanken haben.
Natürlich kann man all diese Aspekte nicht auf einer Gedenktafel unterbringen. Auf die letzten drei Sätze jedoch hätte man verzichten müssen, weil sie dem unbedarften Betrachter einen Großteil der Wahrheit vorenthalten. Man kann von Helmut Kohl halten, was man will. Ohne ihn hätte es die Wiedervereinigung nicht zu diesem Zeitpunkt gegeben. Ein zögerlicher Regierungschef hätte unter Umständen sogar gänzlich die Chance verpasst. Wie sähe das Land dann heute aus?
Vor allem der Satz auf der Säule: „Die ostdeutsche Freiheitsbewegung ermöglichte es ihm, zum Kanzler der Einheit zu werden“, ist wirklich Quatsch. Denn ohne Michael Gorbatschow und George Bush sen. hätte auch Helmut Kohl die Wiedervereinigung nicht zustande gebracht. Kohl ist anzurechnen, dass er die Wiedervereinigung mit Bravour durchsetzte, vor allem gegen die beiden ärgsten Widersachen Margaret Thatcher und Francoise Mitterand, die vor einem 80 Millionen-Menschen-Land im Herzen Europa einfach Angst hatten, wie Polen, die Niederlande und viele andere auch. Kann man es ihnen angesichts der Geschichte Deutschlands verdenken?
JETZT WÄCHST ZUSAMMEN, WAS ZUSAMMEN GEHÖRT
Was aber im Text an der Säule fehlt, ist nun wirklich der einzig historisch gebliebene Satz, der am 10. November 1989 vor dem Rathaus Schöneberg gesagt wurde. Hier ein Auszug aus der Rede von Willy Brandt: [...] Sicher ist, dass nichts im anderen Teil Deutschlands wieder so werden wird, wie es war. Die Winde der Veränderung, die seit einiger Zeit über Europa ziehen, haben an Deutschland nicht vorbei ziehen können. Meine Überzeugung war es immer, dass die betonierte Teilung und dass die Teilung durch Stacheldraht und Todesstreifen gegen den Strom der Geschichte standen. Und ich habe es noch in diesem Sommer erneut zu Papier gebracht: Berlin wird leben, und die Mauer wird fallen. [...]
Denen, die heute noch so schön jung sind, und denen, die nachwachsen, kann es nicht immer leicht fallen, sich die historischen Zusammenhänge, in die wir eingebettet sind, klarzumachen. Deshalb sage ich nicht nur, dass wir bis zum Ende der Spaltung - zornig, aber auch im Gefühl der Ohnmacht habe ich im August '61 dagegen angeredet - noch einiges vor uns haben, sondern ich erinnere uns auch daran, dass das alles nicht erst am 13. August 1961 begonnen hat. Das deutsche Elend begann mit dem terroristischen Nazi-Regime und dem von ihm entfesselten Krieg. Jenem schrecklichen Krieg, der Berlin wie so viele andere deutsche und nichtdeutsche Städte in Trümmerwüsten verwandelte. Aus dem Krieg und auch aus der Veruneinigung der Siegermächte erwuchs die Spaltung Europas, Deutschlands und Berlins. Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört. Jetzt erleben wir, und ich bin dem Herrgott dankbar dafür, dass ich dies miterleben darf: die Teile Europas wachsen zusammen. [...]
Dieser und kein anderer unnötiger Satz über Helmut Kohl hätte auf die Säule gemusst! Ich bin mir sicher, diesen Satz so von Willy Brandt am 10. November 1989 gehört zu haben. Ich stand keine zwei Meter hinter ihm. Aber, wie das so ist, es gibt Zweifler. Der Historiker und Lehrbeauftragte an der Uni Bonn, Georg Schneider, hat im Rheinischen Merkur am 5.11.2009 folgenden Aufsatz veröffentlicht.
„Keine anderen Worte stehen so sehr für den Zusammenbruch des sozialistischen Ostens wie diese: ‚Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört. Jetzt erleben wir, und ich bin dem Herrgott dankbar dafür, dass ich dies miterleben darf: Die Teile Europas wachsen zusammen.’ Dieser mal vollständig, mal verkürzt zitierte Ausruf Willy Brandts erfreut sich 20 Jahre nach der Öffnung der Berliner Mauer nicht nur in der sozialdemokratischen Erinnerungskultur hoher Beliebtheit.
Allgemein wird angenommen, dieser Satz sei beim Auftritt des Altbundeskanzlers und ehemaligen Regierenden Bürgermeisters von Berlin vor dem Schöneberger Rathaus gefallen. Die Großveranstaltung war am Nachmittag des 10. November 1989 kurzfristig anberaumt worden. Während die Rede des eilig aus Warschau angereisten Bundeskanzlers Helmut Kohl wegen eines ohrenbetäubenden Pfeifkonzerts der versammelten linken Szene Berlins kaum wahrgenommen wurde, fand der Beitrag seines Vorvorgängers erhebliche Beachtung.
Allerdings: Brandts viel zitierter Satz ‚Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört’, für den die Rede bekannt blieb, wurde bei dieser Veranstaltung gar nicht ausgesprochen und kam folglich auch nicht in dem Mitschnitt des deutschen Fernsehens vor. Wie aber wurde das Zitat dann so berühmt?
Bereits am Mittag des 10. November hatte die Nachrichtenagentur dpa gemeldet, Brandt habe sich vor Journalisten folgendermaßen geäußert: ‚Wir sind jetzt in der Situation, wo wieder zusammenwächst, was zusammengehört.’ In der Parteizentrale der SPD in Bonn erkannte man umgehend, wie sehr sich diese Formulierung als Schlagzeile für die bewegenden Vorgänge in Berlin eignete: Für die Großveranstaltung am selben Nachmittag (Anm.d.Red.: die Kundgebung fand abends statt) vor dem Schöneberger Rathaus, wo Medienvertreter aus der gesamten Welt zu erwarten waren, ließ man umgehend Flugblätter drucken, auf denen die passend zusammengestellten Worte Brandts zu finden waren. Brandt griff jedoch in seiner dann tatsächlich gehaltenen Rede nicht mehr auf sein früheres Zitat zurück, sondern sagte wörtlich: ‚Und jetzt erleben wir – und das ist etwas Großes, und ich bin dem Herrgott dankbar dafür, dass ich das miterleben darf –, dass die Teile Europas wieder zusammenwachsen.’ Wohl aufgrund der dpa-Meldung vom Mittag und vermutlich auch dank der von der Bonner Parteizentrale verbreiteten Flugblätter entstand der langfristig prägende Eindruck von diesem Abend: ‚Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.’
Der gesamte Vorgang erscheint als bemerkenswertes Beispiel für das Organisationsvermögen und die Reaktionsschnelle der SPD-Parteizentrale. Umso augenscheinlicher war dagegen, dass den Mühen der Berliner CDU der Erfolg versagt blieb: Die Union war davon ausgegangen, dass die erwartete Veranstaltung vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche stattfinden sollte, und hatte ihre Mitstreiter etwas voreilig dorthin entsandt. Der Parteivorsitzende und Bundeskanzler dagegen fand sich zwar am richtigen Ort vor dem Schöneberger Rathaus ein, blieb dadurch jedoch praktisch jenem kritischen Publikum ausgesetzt, das ihm weder Gehör noch politische Sympathie zu schenken bereit war, da die CDU-Anhänger ja vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche warteten. Auf diese Weise verhallte dann auch weitgehend ungehört sein Ruf: ‚Wir sind und bleiben eine Nation, und wir gehören zusammen!’
Rückblickend dürfte es Kohl zugute gekommen sein, dass Brandt mit dem berühmten Zitat ‚Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört’ identifiziert wurde. Die darin zum Ausdruck kommende Hoffnung ließ sich schließlich so deuten, dass der SPD-Politiker als langjährige Leitfigur der Oppositionspartei den Weg mitzugehen bereit war, den Kohl in den folgenden Monaten als Bundeskanzler entschlossen beschreiten sollte.“
Dennoch bleibe ich dabei, Fernsehaufzeichnung hin oder her, dass Willy Brandt den berühmten Satz gesagt hat. Willy Brandt steht für diesen Satz, und deshalb hätte er in den Text der Säule eingearbeitet werden müssen. Es ist am Bezirksamt und an der Bezirksverordnetenversammlung, die Texttafel an der Säule vor dem Rathaus Schöneberg ändern zu lassen und künftig dafür zu sorgen, dass nicht ungeprüft irgendetwas vor dem Rathaus aufgestellt wird.
Ed Koch
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