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Beiträge: Mehr Personal für die Jugendämter?

geschrieben von: Redaktion am 26.11.2009, 15:10 Uhr
paperpress451 
Das Unternehmen „steria mummert“ hat sich Gedanken um die Zukunft der Berliner Jugendämter gemacht. Herausgekommen ist eine Studie mit dem Titel „Personalausstattung eines sozialräumlich organisierten Berliner Jugendamtes“. paperpress berichtete ausführlich darüber (Nr. 447 – Juli 2009). Charlottenburg-Wilmersdorf, Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte, Tempelhof-Schöneberg und Treptow-Köpenick stellten sich für die Untersuchungen zu der Studie zur Verfügung.
Auf der Sitzung des Jugendhilfeausschusses Tempelhof-Schöneberg am 25.11.2009 wurde den Mitgliedern und Gästen die Studie von einem Mitarbeiter des Unternehmens, Holger Schulze, vorgestellt. Unter seinem Namen steht die Bezeichnung „Principal Consultant“, durchaus üblich für ein international operierendes Unternehmen wie „steria mummert“. Bleiben wir einen Augenblick bei der Definition des „Principal Consultant“, um zu wissen, wer der Vortragende ist. Unter anderem obliegt ihm die „vollverantwortliche Leitung komplexer Projekte“, „Er ist in der Lage, Kunden zu begeistern, Kundenteams zu führen, und hat ein Gespür für politische Vorgänge und kann auf unerwartete Situationen positiv und dynamisch reagieren“.

Arbeiten wir zuerst das „Gespür für politische Vorgänge“ ab. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass es mehr Personal in den Jugendämtern geben müsse, und das, obwohl für einige Bereichen vorgeschlagen wird, diese in andere Abteilungen des Bezirksamtes zu integrieren bzw. an freie Träger zu übertragen. Alles wird in dieser Stadt möglich sein, bloß keine Personalverbesserung in den Jugendämtern. Um an den Punkt der Ausstattung zurückzukehren, der einmal bestand, bräuchte man schon mehrere Legislaturperioden.

Dass der Referent auf „unerwartete Situationen positiv und dynamisch reagiert“, konnte man am 25.11. nicht gerade feststellen. Es ist nicht unerwartet, dass JHA-Mitglieder Fragen stellen. Und wenn in einer Frage andeutungsweise vermutet wird, dass das Zahlenmaterial, das der Studie zugrunde liegt, vielleicht nicht stimmen könne, so kann man darauf mit einem klaren Satz reagieren. Das Zahlenmaterial stammt aus den Jugendämtern und ist einfach Fakt. Die Reaktion des Herrn Schulze war nicht sehr positiv und höchsten in seiner Aufgeregtheit dynamisch. Im Dezember wird er die Studie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Jugendamtes Tempelhof-Schöneberg vorstellen. Bis dahin sollte er üben, wie man mit „unerwarteten Situationen“ und Fragen positiv umgeht. In einem Telefonat, das wir mit ihm am 26.11. führten, um herauszufinden, wo die Studie im Internet eingesehen werden kann, bemerkte er, dass, wenn wir die Studie richtig gelesen hätten, wir in unserem Bericht im Juli 2009 „nicht so auf den Putz hätten hauen“ müssen. So gepflegt drückt man sich als „Principal Consultant“ aus, wenn eine Medienberichterstattung unerwartet kritisch ausfällt.

Eines verkündete Holger Schulze im Jugendhilfeausschuss Tempelhof-Schöneberg ganz klar. Für „steria mummert“ ist der Drops gelutscht. Die Rechnung für rund 300 bedruckte Seiten ist offenbar gestellt und bereits bezahlt worden. Auf der Internetseite von „steria mummert“ ist die Studie nicht zu finden, sondern lediglich beim Auftraggeber, dem Land Berlin. Wer knapp 3 MB Speicherplatz auf seinem Computer übrig hat, kann sie sich herunterladen. Gern mailen wir Ihnen die Studie auch zu. Die Studie ist also fertig und der Rest ist nun Sache der Politik. Ob diese Studie das gleiche Schicksal erleidet wie viele andere vor ihr, nämlich im Bermudadreieck zwischen Senat, Abgeordnetenhaus und Bezirken verschollen zu gehen, warten wir mal ab.

Die Studie ist eine aufwendige und umfassende Arbeit mit vielen wichtigen und wertvollen Erkenntnissen. Das sage ich ohne Unterton. Auch ein Musterjugendamt zu kreieren, ist ein interessanter Ansatz. Man muss allerdings kein Pessimist sein um vorherzusagen, dass es weder in absehbarer Zeit gleiche Verhältnisse in allen zwölf Berliner Jugendämtern geben, noch dass sich die Personalsituation signifikant verbessern wird. Die Bezirke werden nicht daran denken, ihre Eigenständigkeit in organisatorischen Fragen aufzugeben, schon gar nicht die jeweiligen Dezernenten, die stets bemüht sind, ihrem Einflussbereich auch ihren persönlichen Stempel aufzudrücken.

Die Sozialraumorientierung steht bei der Studie nicht in Frage. Sie ist unantastbarer Faktor. Es ist kaum vorstellbar, dass es ein Zurück zum zentralen Jugendamt geben wird. Ob die jeweiligen Regionen in der jetzt vorhandenen Größe so bleiben werden/können, ist jedoch fraglich. Natürlich sind kleine Einheiten besonders bürgernah. Die Größe der Regionen ist jedoch in den Bezirken äußerst unterschiedlich, häufig an den Ortsteilen orientiert, wie beispielsweise in Tempelhof-Schöneberg. Hier gibt es 7 Regionen in 6 Ortsteilen, wobei Schöneberg aufgrund der Größe in Nord und Süd geteilt wurde. Es gibt aber nur 3 Standorte. Im Rathaus Friedenau für Schöneberg und Friedenau, in der Mariendorfer Strelitzstraße für Tempelhof und Mariendorf und in der Lichtenrader Briesingstraße für Lichtenrade und Marienfelde. Wie lange 7 Regionen an 3 Standorten ihre Eigenständigkeit werden behalten können, ist angesichts der noch immer weiter sinkenden Beschäftigungszahlen äußerst fraglich.

Die Studie empfiehlt, die Regionen zu stärken. Das gegenwärtige, in einer Matrix festgelegte System sieht vor, dass die fachlichen Standards von den jeweiligen Fachleitungen wie Jugendförderung oder Familien unterstützende Hilfen festgelegt werden. Wären auch noch dafür die Regionen selbst verantwortlich, würden diese noch weiter isoliert von den Nachbarregionen operieren. In einem Bezirk wie Tempelhof gab es, bevor jemand das Wort Sozialraumorientierung überhaupt schreiben konnte, regelmäßige Sitzungen aller Mitarbeiter/innen der Jugendfreizeitheime, Kindertagesstätten usw. Heute kennt ein Mitarbeiter aus Schöneberg-Nord nicht mehr zwangsläufig seinen Kollegen aus Lichtenrade. Man hat miteinander nichts zu tun, obwohl man für dasselbe Unternehmen tätig ist. Jede Region macht ihr eigenes Ding. Bezirkliches gibt es kaum noch. Das mag in anderen, als dem Bereich der Jugendförderung anders sein. Man sehe es mir aber nach, dass ich versuche, möglichst nur über Sachen zu schreiben, von denen ich halbwegs etwas verstehe.

Die Studie gibt natürlich Ratschläge, was man zukünftig anders machen könnte. So soll der Kinderschutz im Jugendamt gebündelt werden, was bedeuten würde, dass der Kinder- und Jugendgesundheitsdienst, jetzt noch beim Gesundheitsamt angesiedelt, zum Jugendamt käme. Innerhalb der Verwaltung sollen auch Zuständigkeiten gebündelt werden. Die Eingliederungshilfe soll beispielsweise zum Sozialamt kommen. Keine Ahnung, ob das sinnvoll ist. Dass aber Personal, Haushalt und IT im Bezirksamt zentralisiert werden sollen, wäre eine schlichte Katastrophe. So wie man die Sozialraumorientierung vor allem mit der Bürgernähe begründet, so soll hier genau das Gegenteil erfolgen, nämlich Zentralisierung.

Spannend wird es bei dem Punkt der Verlagerung von Aufgaben an Dritte. Dazu gehören an erster Stelle die Jugendfreizeitheime. Weiter hinten in der Studie heißt es, dass es natürlich den Jugendämtern überlassen bleibt, dennoch Freizeitheime zu betreiben. Also was nun? Einheitsjugendamt oder jeder kann machen was er will? In Tempelhof-Schöneberg lautet die von Jugendstadträtin Angelika Schöttler (SPD) herausgegebene Devise: „Alle Standorte bleiben erhalten!“. Es ist jedoch eine Frage der Zeit, wann sich alle Besitzverhältnisse geändert haben werden. Schon in derselben Jugendhilfeausschusssitzung am 25.11.2009, in der die Studie vorgestellt wurde, wurde erneut eine Jugendfreizeiteinrichtung an einen freien Träger übertragen. Für die Frobenstraße 27 wird künftig der Verband für sozial-kulturelle Arbeit zuständig sein. Damit wird Schöneberg-Nord die erste Region in Tempelhof-Schöneberg sein, die keine eigene städtische Jugendfreizeiteinrichtung mehr betreibt.

Da ich in diesem Punkt immer wieder missverstanden werde, hier noch einmal meine Position, von der ich nicht im Traum denke abzuweichen. Die Mischung macht’s. Freie Träger haben bewiesen, dass sie sehr wohl Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen kreativ und effektiv betreiben können. Die Lortzingstraße in Lichtenrade und der BoseClub in Tempelhof sind nur zwei Beispiele dafür. Jetzt kommt das Aber. Ein Jugendamt muss aber auch selbst Angebote, also Einrichtungen vorhalten. Auf eine prozentuale Aufteilung, wie bei den Kitas 1/3 zu 2/3, will ich mich gar nicht einlassen. In jedem Ortsteil muss es städtische Angebote neben denen von freien Trägern geben. Basta.

„Die Tagespflege – Akquise, Fortbildung und Betreuung von Vollzeitpflegestellen“ soll überbezirklich erfolgen. Ich sehe keinen Sinn darin und kann die Jugendämter nur warnen, sich darauf einzulassen.

Nun, das Thema ist wirklich komplex. So ein Jugendamt ist eine nicht leicht zu erklärende Angelegenheit. Es schwank zwischen gesetzlichen Pflichtaufgaben und so genannten freiwilligen Leistungen und Angeboten hin und her. Letztlich müssen die Politiker die Entscheidung treffen, was sie für richtig und wichtig halten. Studien können bei der Meinungsfindung helfen, aber niemanden die Entscheidung abnehmen. Noch bestimmen die Jugendstadträte über ihre Dezernate. Ob ein Musterjugendamt = Einheitsjugendamt erstrebenswert ist, wage ich zu bezweifeln.

Ed Koch

  
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