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Dennoch ging ich diesen Weg*

geschrieben von: Redaktion am 29.08.2008, 12:12 Uhr
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Ein Nachruf auf Wolfgang Szepansky
von Uwe Januszewski
In der Nacht zum 24. August 2008 endete sein Weg, der Weg meines Vorbildes und, wie mir Wolfgang Szepansky in einer persönlichen Widmung schrieb, eines alten Freundes. Ein bewegtes Leben, ein Leben geprägt von Krieg, Armut, Faschismus, KZ-Haft, Neuanfang, „Kaltem Krieg“ und als Zeitzeuge, aber auch als Vater und herzlicher Ehemann; ein geschichtsträchtiges Leben ist vollendet.

Als ich Wolfgang vor über 30 Jahren das erste Mal im Jugendclub Galerie Bungalow begegnete, ahnte ich nicht, dass wir viele Projekte zusammen anstoßen und durchführen würden. Die Geschichte Tempelhofs zwischen 1933 und 1945 erkundeten wir Jugendlichen damals und suchten „Zeitzeugen“ aus unserem Bezirk. Wolfgang war einer von ihnen. Er war es, der uns beeindruckte, denn sein Leben war für uns junge Menschen gelebte Geschichte. Seine Schilderungen über den Alltag als Schüler, als junger Mensch, Widerstandskämpfer und KZ-Häftling waren wie eine Geschichtsstunde von „unten". Nicht die politisch Handelnden standen im Mittelpunkt, nein es waren seine Familie, die Nachbarn, die Freunde aus der politischen Arbeit und später, die vielen Menschen, die Wolfgang während seiner Zeit im Exil unterstützten.

Am 9. Oktober 1910 im Wedding geboren, wuchs er in der Kurfürstenstraße in Mariendorf, damals noch ein Vorort von Berlin, auf. Der in einer sozialistischen Familie groß gewordene Junge ging in eine kommunistische Kindergruppe. Von der Mutter inspiriert, wurde in der Familie viel gesungen, gelesen und diskutiert. Wolfgang wurde in der Arbeitertheaterbewegung aktiv, lernte bei seinem Vater den Beruf des Malers und besaß ein zeichnerisches Talent, das ihm bis ins hohe Alter begleitete. 2006 schenkte er mir eine persönliche Mappe mit gezeichneten Bildern unserer Antifaschistischen Stadtrundfahrt, die wir seit 1980 gemeinsam in Tempelhof durchführten.

Als Hitler 1933 an die Macht kam, ging er mit seinen Genossen in den Widerstand. Im August 1933 malte er an die Wand der Schultheiss-Brauerei in Kreuzberg „Nieder mit Hitler! KPD lebt. Rot Front!“. Er wurde dabei beobachtet, verhaftet und angeklagt. 1934 verließ er vor Haftantritt Deutschland und ging ins Exil in die Niederlande. Das Leben in der Emigration war schwierig. Illegal hielt er sich auf und durfte nicht arbeiten. Mit seiner großen Liebe Jetchen bekam er 1938 einen Sohn. Doch im Mai 1940 wurde er interniert und nach Einmarsch der Deutschen Wehrmacht der Gestapo übergeben und als Häftling Nummer 33527 ins KZ Sachsenhausen gesperrt. Wegen des Zusammenlebens mit einer holländischen Jüdin in Amsterdam wurde Wolfgang 1941 aus Gründen der Rassenschande verurteilt und kam für zwei Jahre ins Strafgefängnis nach Tegel. Anschließend erfolgte die weitere „Schutzhaft" im KZ Sachsenhausen. Im April 1945 schickten die Nazis die Häftlinge des KZ auf den Todesmarsch. Bei Schwerin erfolgte die Befreiung durch britische Truppen. Für Wolfgang begann nun wieder ein Leben in Freiheit.

Völlig geschwächt kam er nach Berlin zurück. Unter Anleitung seines Freundes Karl Vetken organisierte er am 18.6.1945 die Gründung des antifaschistischen Jugendausschusses in Tempelhof. Bei dieser Arbeit lernte er die junge Gerda kennen, verliebte sich und beide heirateten. Wolfgang wurde Lehrer und Mitglied der neu gegründeten KPD, später der West-Berliner SED. Dies hatte zur Folge, dass er im so genannten Kalten Krieg Berufsverbot erhielt und aus dem Lehramt ausscheiden musste. Die Entlassung erfolgte im November 1951 im Zimmer 212 des Rathauses Tempelhof, dem Raum, der 1987 mein Büro als freigestelltes Personalratsmitglied im Bezirksamt wurde. Wolfgang arbeitete anschließend bei der Reichsbahn und wurde aktiv in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und im Sachsenhausen-Komitee West-Berlins. Die Zeiten änderten sich erst mit Beginn der 70er Jahre und Wolfgang wurde als „Zeitzeuge“ gefragt. Zusammen mit seiner Frau Gerda, die als Schriftstellerin arbeitete, ging es zu vielen Veranstaltungen. So sagte er einmal: „Ich begann zu begreifen, wie wichtig die Kenntnis dessen, was ich erzählte, für nachfolgende Generationen ist.” In seinen Aufzeichnungen steht, dass er beispielsweise1998 mit 88 Jahren auf insgesamt 56 Veranstaltungen war und vor 1.282 Personen sprach. Am wichtigsten waren ihm die Begegnungen mit Schülerinnen und Schüler, insbesondere bei Schulklassengesprächen und den Besuchen in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen.

Aus seiner Überzeugung machte er keinen Hehl. Er war Kommunist, doch andere Meinungen ließ er gelten. Er war kein Dogmatiker, sondern ein politischer Mensch, der schon früh erkannte, dass junge Menschen für die Aufarbeitung der Geschichte gewonnen werden müssen. Er arbeitete mit uns und mit vielen anderen Jugendgruppen zusammen und war stets bemüht, dass wir selbstständig die Dinge angingen und uns unsere Meinung bildeten. So entstanden viele Ausstellungen, Videoaufzeichnungen, Diaserien mit seinen KZ-Bildern, Bücher und mit der Songgruppe „Sorgenhobel“ auch eine Musikkassette mit Liedern aus den Konzentrationslagern und der Arbeiterbewegung.

Im Oktober letzten Jahres begleitete Wolfgang zum letzten Mal die Antifaschistische Stadtrundfahrt durch Tempelhof. Sein angegriffener Gesundheitszustand war zu spüren, aber er wollte dabei sein und wie immer zog er die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in seinen Bann. Er rezitierte selbstverfasste Gedichte aus der Haft und sang mit, als das Lied des „Arbeitersportvereins Fichte“ im Bus abgespielt wurde. Auch diesmal mahnte er, die Geschichte nicht zu vergessen und wachsam zu sein. Wolfgang war häufiger Gast bei unseren Vereinsveranstaltungen. Am Grünkohlessen in diesem Jahr konnte er krankheitsbedingt nicht teilnehmen. So bleibt sein Besuch des Sommerfestes 2007 für viele aus unseren Vereinen die letzte Begegnung mit ihm. Eigentlich versprach er mir ja, 100 Jahre alt zu werden, doch die Gesundheit wollte sich nicht mehr einstellen und so beendete er seinen Weg am 23. August 2008, dem Tag unseres diesjährigen Sommerfestes.

Die Arbeit von Wolfgang Szepansky und seiner Frau Gerda wurde 1996 auch öffentlich anerkannt. Am 26. September 1996 erhielten sie das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Für Wolfgang war dies eine Ehre, wie er mir sagte. Aber viel wichtiger war ihm die persönliche Anerkennung der Menschen, denen er begegnete. Für Paper Press und für mich ist es eine Ehre ihn gekannt zu haben. Wir haben einen Freund verloren! In seinem Sinne werden wir die antifaschistische Arbeit fortsetzen.


* „Dennoch ging ich diesen Weg“ ist der Titel der Autobiographie von Wolfgang Szepansky, die 2000 in 2. Auflage im Trafo-Verlag erschienen ist.

Wie alle anderen Antifaschistischen Stadtrundfahrten zuvor, endete auch die 65ste am 27. Oktober 2007 vor dem Haus Schulenburgring 2 in Tempelhof. Hier wurde in der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1945 die Kapitulationsurkunde für Berlin unterzeichnet. Hausbewohner Joachim Dillinger hält seit vielen Jahren die Erinnerung daran wach und hat inzwischen Hunderte von Gruppen aus der ganzen Welt empfangen, und immer wieder die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Rundfahrt des Paper Press e.V. 2.197 Interessenten haben seit 1980 an den Fahrten teilgenommen.

Der Paper Press e.V. wird versuchen, mit einem neuen Konzept die Rundfahrten im Sinne von Wolfgang Szepansky fortzusetzen.

Wolfgang Szepansky und Uwe Januszewski haben gemeinsam seit dem 14.9.1980 alle 65 Fahrten begleitet.


  
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