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Titelgeschichte der Mai-Nummer: Terrorismus "Wir stehen erst am Anfang"

geschrieben von: Redaktion am 18.04.2009, 10:20 Uhr
paperpress567 
Interview mit dem Terrorismusexperten Berndt Georg Thamm. Einleitung: So lange uns in Deutschland der weltweit operierende Terrorismus nicht in seinen schrecklichen Ausmaßen erreicht hat, begnügen wir uns mit hausgemachten Terroranschlägen. Was anderes ist es, wenn Fanatiker Autos und Häuser in Brand stecken?
Natürlich kann man gegen alles sein, was einem nicht gefällt: Die NATO ebenso wie die Möglichkeit, sein Auto mit in die Wohnung zu nehmen. Unser Demonstrationsrecht ist vorbildlich. Es basiert aber auf der friedlichen Meinungsäußerung, nicht auf Gewalttaten. Ob Hamburg oder (fast täglich) in Berlin, Terroranschläge sorgen für Schlagzeilen. In den Fernsehnachrichten blicken wir auf Ereignisse, die weit weg von uns scheinen. Dass deutsche Soldaten im fernen Afghanistan immer wieder Opfer von Anschlägen werden, bringt uns die Problemlage, in der wir uns befinden, nur etwas näher. „Das subjektive Bedrohungsgefühl der Bevölkerung ist in keinster Weise kongruent mit der objektiven Bedrohungslage unseres Landes“, sagt der deutschlandweit bekannte Terrorismusexperte Berndt Georg Thamm in einem Interview mit paperpress. Damit meint er keineswegs die Westentaschenterroristen, die ihre Erfolge beim Abfackeln von Autos feiern. Nein, es ist der weltweit operierende Terrorismus, der uns bislang nur in Ausläufern berührt hat und dem wir mit viel Glück entgangen sind, aber „das Glück ist keine verlässliche Größe“, sagt Berndt Georg Thamm. Er ist davon überzeugt, dass wir erst am Anfang der Auseinandersetzung mit einem Gegner stehen, dem unsere Demokratie und unsere Lebensart nichts bedeuten. Für ihn gibt es nicht Ost oder West, Nord oder Süd, sondern nur Gläubige und Ungläubige. Und die Ungläubigen, also wir, müssen bekämpft werden in einem „Religionskrieg bis zur Endschlacht“.

paperpress: Angesichts der jüngsten Ereignisse in der baden-württembergischen Stadt Wennenden darf die Frage erlaubt sein, ob die Bedrohung durch Amokläufe unserer eigenen Jugendlichen nicht inzwischen alltäglicher geworden ist, als die Gefahr von terroristischen Anschlägen islamistischer Gruppen?

Berndt Georg Thamm: Amokläufe wie der in Wennenden (März 2009, 15 Tote) haben durch die "Macht der Bilder" (der Medien) wahrlich etwas Bedrohliches; insbesondere wenn der Tatort eine Schule ist und der zumeist junge Täter sich nach der Tatbegehung selbst das Leben nimmt.

In Deutschland hat es allein in den letzten zehn Jahren ein gutes Dutzend dieser Amokläufe gegeben, fast die Hälfte davon in den Jahren 1999 (Dillingen, Bad Reichenhall, Bielefeld) und 2000 (Westerholt, Dortmund, Salzgitter). Einige sind fest im Gedächtnis der Menschen geblieben, wie der Amoklauf des 19-jährigen Robert S. in Erfurt (26.4.2002, 16 Tote und Suizid des Täters); andere sind ob langer Zeiträume fast in Vergessenheit geraten, wie der Amoklauf eines 34-jährigen Mannes am 3. Juni 1983. An diesem Tag erschoss er auf einem Schulhof in Eppstein-Vockenhausen (Hessen) drei Kinder im Alter von elf und zwölf Jahren, einen Lehrer und einen Verkehrspolizisten, anschließend sich selbst.

Oder der eines Invaliden, der am 11. Juni 1964 mit einem Flammenwerfer bewaffnet die Volksschule in Volkhoven bei Köln stürmte. Acht Kinder erlitten tödliche Brandverletzungen. Bevor der Amokläufer Gift nahm, erstach er noch zwei Lehrerinnen. Bei diesen Amokläufen der letzten Jahrzehnte handelt es sich auch bei uns um die soziale Gesellschaft zutiefst verstörende Gewalttaten, aber nicht um eine Bedrohung, die „inzwischen alltäglicher geworden" ist.

Vor allem ist aber diese Art der Bedrohung nicht mit der des islamistischen Terrorismus und seiner bewaffneten Kämpfer vergleichbar. Ihr „Heiliger Krieg" (Djihad) gegen den „internationalen Unglauben" ist mehr eine strategische Langzeitbedrohung der „ungläubigen" Völkergemeinschaft - und damit auch der zivilen Gesellschaften Europas und natürlich auch Deutschlands. Dennoch gibt es zwischen dem Amokläufer und dem zum „Märtyrertod" bereiten „Glaubenskämpfer" einige Bezüge, sind beide doch - mehr oder weniger - Selbstmordattentäter. Während sich die einen mit Sprengstoffen in der Regel an öffentlichen Orten in die Luft jagen und die sie umgebenden Menschen als „weiche Ziele" (soft targets) mit zu Tode sprengen, gehen Amokläufer auf ihren finalen „Beutezug".

Ob Attentat oder Amoklauf - unter Mitnahme vieler Opfer wird zum Tatende der eigene Tod nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern - aus unterschiedlichen Motivlagen heraus - regelrecht erstrebt. Die Motivlage des islamistischen Terroristen (Djihadterroristen) ist meist religiöser Natur, sieht er sich doch als „Kämpfer des rechten Glaubens" in einem immerwährenden „Religionskrieg" gegen die „Feinde des Islam". Der Djihad ist theologisch gesehen für ihn der „Gipfel des Glaubens", sein Tod (= Selbstmordattentat) ein notwendiges Opfer, um eines Tages das Ziel des Djihad - ein islamisches globales Gottesreich mit einer islamischen weltweit gültigen Ordnung zu errichten - zu realisieren. In dieser Intensität, dieser Nachhaltigkeit und dieser Langzeitigkeit ist die Gefahr, die von djihadterroristischen Anschlägen (von der Tatandrohung bis zur Tatbegehung) für zivile Gesellschaften ausgeht, im Vergleich zu lokal agierenden Amokläufern ungleich größer.
paperpress: Haben sich nach den Anschlägen 2001 in den USA die präventiven Möglichkeiten verändert, verbessert, um gegebenenfalls solche Ereignisse zu verhindern?

Berndt Georg Thamm: Zweifelsohne haben sich die präventiven Möglichkeiten, aber auch die der direkten Terrorismusbekämpfung national und international verändert und verbessert, Die Sicherheitspolitik hat in diesem gewaltigen Aufgabenbereich alle Schutzorgane - so die Strafverfolgungsbehörden, die Nachrichtendienste und die Streitkräfte - eingebunden. Nach den Anschlägen des 9/11 wurde die Gewinnung und Sammlung von nationalen und internationalen Informationen und ihre Auswertung zu einem ganz wichtigen Bereich.

Dem hat Deutschland aus meiner Sicht vorbildlich Rechnung getragen, in dem sich sowohl Strafverfolger über das Bundeskriminalamt (BKA) als auch Nachrichtendienstler über das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) in einem im Dezember 2004 gegründeten „Gemeinsamen Terrorabwehrzentrum" (GTAZ) mit Sitz in Berlin zusammengefunden haben, wo mittlerweile Informationen von über 40 Einrichtungen des Bundes und der Länder, aber auch befreundeter Dienste, einfließen und ausgewertet werden. Und zwar so, dass das GTAZ mehr als einen guten Ruf genießt. Ein Ergebnis der professionellen Terrorismusbekämpfung ist die Erstellung der Anti-Terror-Datei (ATD).

Die Arbeit wird unterstützt durch ein im Mai 2006 eröffnetes „Gemeinsames Analyse- und Strategiezentrum illegale Migration" (GASIM). Da im letzten halben Jahrzehnt das Internet zum „Leitmedium für Terroristen" (so BKA-Präsident Jörg Ziercke) wurde, schuf man in BerlinTreptow ein „Gemeinsames Internetzentrum" (GIZ). Die dortigen Terrorismusfahnder werten die virtuellen Botschaften der Djihadisten aus, für die der Online-Aufruf zum Djihad längst fester Bestandteil ihrer Medien-Strategie ist. So haben GIZ-Fahnder schon Anfang Februar 2008 auf eine neue Qualität der islamistischen Propaganda aufmerksam gemacht. Neben den Hetzbotschaften gegen den Westen wurden zunehmend „Bombenbastelanleitungen in deutscher Sprache" ins Netz gestellt. Diese Ausweitung der schon ab 2007 festgestellten Internet-Offensive der ail-Qaida-Bewegung spiele, so die GIZ-Fahnder, „eine große Rolle bei der Radikalisierung von jungen Muslimen, die in Deutschland leben".

Wir können inzwischen auf über sieben Jahre Einsatz und Erfahrungen zurückblicken, können Profile von Gefährdern erstellen; wir haben angefangen, das terroristische Gegenüber akzentuierter darzustellen; wir können die Gefahreneinschätzungen besser beschreiben; wir reagieren nicht nur, wir fangen auch an zu agieren. Jüngstes Beispiel einer Gefahrenverhinderung war die „Operation Alberich", die sich gegen die sog. Sauerland-Gruppe richtete. An dieser Anti-Terror-Aktion waren Verfassungsschützer und 600 Polizeibeamte rund sechs Monate beteiligt. Ihr Einsatz vereitelte Anschläge mit Wasserstoffperoxid-Autobomben im Sommer 2007. Den mutmaßlichen deutschen Terroristen, darunter zwei junge Konvertiten, wird ab 22. April vor dem OLG Düsseldorf der Prozess gemacht. Das Gericht und die Bundesanwaltschaft als Ankläger schließen eine Prozessdauer von zwei Jahren nicht aus. Bis dato konnten Anschläge wie der geplante Anschlag der „Sauerland-Gruppe" vor der Tatbegehung durch unsere Schutzorgane verhindert werden. Deren Tüchtigkeit wurde auch durch ein Quantum Glück belohnt. So misslang ein von jungen Libanesen geplanter „Koffer-Bomben-Anschlag" in Zügen aus Dortmund und Koblenz am 31. Juli 2006. Die Täter hatten „handwerkliche Fehler" begangen - und wir hatten Glück gehabt. Dennoch, dies sei mit aller Eindringlichkeit gesagt, gibt es keinen hundertprozentigen Schutz. Wohl ist auf die Tüchtigkeit unserer Schutzorgane Verlass; aber das Glück ist keine verlässliche Größe. Sicher ist leider nur die Unsicherheit.

paperpress: Wie schätzen Sie die Bedrohungslage gegenwärtig weltweit im Allgemeinen und für Deutschland im Besonderen ein?

Berndt Georg Thamm: Die Wiege des modernen Djihadterrorismus stand am Hindukusch, wo zum Ende des Afghanistankrieges (1979 - 1989) die al-Qalda 1988 begründet wurde. AI-Qaida ist es - wie keiner anderen islamistischen Organisation zuvor - gelungen, eine bizarre Kombination von Alt (Elemente einer Stammesreligion des 7. Jahrhunderts) und Neu (technische Intelligenz des 21. Jahrhunderts) zu verwirklichen. In einem Zeitraum von 20 Jahren ist aus einer ursprünglich geographisch lokalisierbaren (im Emirat Afghanistan der Taliban 1996/97 bis 2001), islamistischen Militärorganisation eine globale Bewegung des Djihad geworden; eine Bewegung (movement), die auf dem wahhabitischen Islamismus aufbaut und zugleich als modernes, weltweit virtuelles Netzwerk organisiert ist. Unterschiedlichste islamistische Gruppen und Grüppchen sehen sich unter einem gemeinsamen Dach dem finalen Djihadziel der Errichtung eines Gottesstaates mit religiöser Rechtsordnung verbunden. Einige nennen sich dementsprechend al-Qaida in Indien, al-Qaida im Zweistromland (Irak), al-Qaida in Saudi-Arabien, al-Qaida im Maghreb (Nordafrika) etc.

Das Internet, das wie kein anderes Medium den Djihad globalisierte, wurde zur neuen Operationsbasis der neuen al-Qaida-Bewegung. Die alte al-Qaida ist als eine Art reorganisierter "Rumpf-Qaida" aber weiter aktiv, operiert vom afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet paschtunischer Stämme aus; ist in der Region den Taliban verbunden, die seit 2006 mit der Rückeroberung Afghanistans die UN-mandatierten NATO-geführten Schutztruppen ISAF mehr als militärische Sorgen bereiten. Wie sehr, verdeutlichten die Gipfel-Tage Ende März/Anfang April. Am 27. März stellte US-Präsident Barack Obama die „neue Hindukusch (Afghanistan/Pakistan) Strategie" der USA vor. Am selben Tag trafen sich in Moskau die Mitglieder der Shanghai Cooperation Organization (SCO) zur Afghanistan-Konferenz (Ost). Nur vier Tage später fand die Afghanistan-Konferenz (West) der Vereinten Nationen im niederländischen Den Haag statt.

Am Rande dieser Konferenz traf der US-Beauftragte für Afghanistan und Pakistan, Richard Holbrooke, mit dem iranischen Vize-Außenminister Mohammed Mehdi Achundsadeh zusammen. „Satan trifft Schurke", titelte eine Berliner Zeitung dieses Treffen. Last not least war die neue Strategie für Afghanistan auch wichtiger Gesprächspunkt auf dem NATO-Gipfel am 3./4. April in Straßburg/Baden Baden. Diese vergangenen Gipfeltage haben mehr als deutlich gemacht, wie die von Afghanistan/Pakistan ausgehende weltweite Bedrohung des Djihadterrorismus eingeschätzt wird - dramatischer denn je.

Diese Bedrohung gilt insbesondere auch für Deutschland, Bis Mitte Januar war nur ein einziges Land der Welt - die USA - mit eigenen Drohvideos bedacht worden. Mit einer beispiellosen islamistischen Medienoffensive wurde in der zweiten Januarhälfte nun auch Deutschland „explizit bedroht, auch in deutscher Sprache und mit deutschen Inhalten". Mit diesen Drohbotschaften im Internet hatte „die djihadistische Propaganda gegen Deutschland eine neue Qualität erreicht“, so die Bewertung des Bundesinnenministeriums. Das auf Auswertung islamistischer Internetseiten spezialisierte US-Institut Intel-Center sprach gar von der bislang „bedeutendsten Botschaft al-Qaidas an Deutschland und möglicherweise an ein europäisches Land überhaupt". Auf die Gefahren für Deutschland im Wahljahr 2009 wurde dementsprechend deutlich hingewiesen. BKA-Präsident Jörg Ziercke: „Die jüngsten Videobotschaften zeigen deutlich, dass Deutschland und deutsche Interessen im Ausland bedroht werden"; BfV-Präsident Heinz Fromm: „Die Gefahr ist sehr groß, dass in Deutschland ein Terroranschlag verübt wird"; und nicht zuletzt Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble: „Wir müssen eine neue Qualität feststellen, die zeigt, dass Deutschland unter, den Zielländern der Terroristen weiter nach vorne gerückt ist".

paperpress: Von wem, welchen Gruppen oder Personen, gehen Bedrohungen aus?

Berndt Georg Thamm: Die explizite Drohung gegen Deutschland wurde von einem deutsch-marokkanischen Djihadisten ausgesprochen, der scheinbar eine wichtige Funktion in der Propaganda-Abteilung der al-Qaida innehat. Bekkay Harrach, ein 31-jähriger deutscher Staatsbürger marrokanischer Herkunft, soll zeitweise in Bonn gelebt und Kontakte zu Islamisten in Frankfurt, Braunschweig und Ulm gehabt haben. „Unsere Atombombe ist eine Autobombe, jeder Muslim kann sie sein", so Harrach in seinem Drohvideo Mitte Januar. Der rheinische aI-Qaida-Sprecher wird vom BKA zu den „Gefährdern" gezählt, die das BfV „islamistisches Kernpersonal" nennt und unter denen die Verfassungsschützer rund 15 Prozent Konvertiten vermuten.

Konvertiten wie der bayerische Fritz Gelowicz (29) aus Neu Ulm und Daniel Martin Schneider (22) aus dem saarländischen Neunkirchen, die als Führungspersonen der deutschen Zelle der turkestanischen Terrororganisation Islamic Jihad Union (IJU) gelten, die bei uns durch den Verhaftungsort „Sauerland-Gruppe" heißt. Weisungen für die glücklicherweise vereitelten Anschläge in Deutschland bekamen die deutschen IJU-Djihadisten aus Pakistan, genauer aus jenem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet, in dem neben der IJU wie schon erwähnt auch al-Qaida und Taliban vernetzt sind.

In eben jene Region sind in den vergangenen 10 Jahren, so Innenstaatssekretär August Hanning erst Ende März, allein aus Deutschland rund 140 Personen gereist, deutsche Konvertiten sowie „Djihadisten mit türkischem oder arabischem Hintergrund". Zwischen 60 und 80 dieser Personen kamen laut Hanning nach Deutschland zurück. Und eben diese Rückkehrer stellen die überwiegende Mehrheit der bis zu 100 „Gefährder" (Islamistisches Kernpersonal). Hinzu kommen in Deutschland rund 300 weitere, „potenziell gefährliche Islamisten“. Insgesamt, so die Schätzungen der Führungspersonen unserer Schutzorgane, ist es „ein Kreis von rund 1.000 Personen". Das ist der Stand Ende März 2009. Vor dem Hintergrund der massiven Drohbotschaften im Januar, der Verurteilung des deutsch-polnischen Konvertiten Christian Ganczarski (42) Anfang Februar in Paris zu 18 Jahren Haft (Planung des Attentats auf die Synagoge der tunesischen Ferieninsel Djerba am 11. April 2002; 21 Tote, darunter 14 deutsche und zwei französische Urlauber), dem am 22. April vor dem OLG Düsseldorf beginnenden Prozess gegen die IJU-„Brüder" der „Sauerland-Gruppe", dem Einlassen der deutschen Politik auf eine neue - gegen „nicht gemäßigte" Taliban und Qaida gerichtete - Afghanistan-Strategie - staune ich über Gleichmut und Gelassenheit meiner Landsleute. Das subjektive Bedrohungsgefühl der Bevölkerung ist in keinster Weise kongruent mit der objektiven Bedrohungslage unseres Landes.

paperpress: Diejenigen, die Anschläge verüben, erreichen eine große publizistische Aufmerksamkeit. Ist das alles, worum es ihnen geht, oder was sind ihre Motive?

Berndt Georg Thamm: Von dem russischen Fürsten Piotr Alexejewitsch Kropotkin (1842 - 1921), der für die anarchistische Lehre gewonnen wurde, soll das Plädoyer für spektakuläre Anschläge als wirksamste Methode, die revolutionäre Botschaft unter das Volk zu bringen, stammen: „Durch Tatsachen, die sich der allgemeinen Aufmerksamkeit aufzwingen, dringt die neue Idee in die Köpfe ein und erobert Anhänger. Manche Tat macht in einigen Tagen mehr Propaganda als Tausende von Broschüren". Mit der daraus abgeleiteten Kurzformel „Propaganda der Tat", die quasi das strategische Kalkül sämtlicher terroristischer Gruppen zusammenfasste, wurde die anarchistische Bewegung des 19. Jahrhunderts bekannt. Zur terroristischen Praxis der zweiten Jahrhunderthälfte gehörte die Entpersönlichung der Anschläge, nicht zuletzt durch die Anwendung neuer Waffen, die nach der Erfindung des Dynamits durch Alfred Nobel zur Jahrhundertmitte zugänglich wurden.

Fast könnte man meinen, dass auch der Djihadterrorismus „russische Wurzeln" hätte, stellen doch die Selbstmordanschläge („Märtyreroperationen") eine Entpersönlichung der Anschläge auf hohem Niveau dar und greift doch auch der islamistische Attentäter zur neuen Waffe Explosivstoff - ob nun selbst hergestellte, gewerbliche oder militärische Sprengstoffe. Sie sind die Waffen des „Märtyrers". Spezialist für derartige Selbstmordanschläge ist der Stellvertreter des al-Qaida-Begründers Osama Bin Laden, der ägyptische Arzt Aiman al-Zawahiri.

Schon 2001 setzte dieser weniger auf konventionelle Waffen, sondern mehr auf wirksame Selbstmordattentate; „Märtyreraktionen bringen dem Feind das größtmögliche Grauen bei relativ geringen Verlusten für die islamische Bewegung. Ich empfehle Aktionen, bei denen viele Zivilisten zu Schaden kommen. Das verbreitet bei den Völkern des Westens den größten Schrecken. Das ist die Sprache, die sie verstehen". Nach den Anschlägen des 9/11 fragten wir uns hier im Westen, worum ging es den Attentätern? Was waren ihre Motive? Heute können wir diese Fragen mehr oder weniger beantworten.

Militante Islamisten haben eine andere - vom Westen abweichende - Vorstellung von Geschichte. Ihre Deutung der Weltgeschichte ist religiöser Natur. Dementsprechend differenziert das djihadterroristische Gegenüber die Welt nicht politisch in Ost und West, sondern religiös in Glauben (Iman) und internationalen Unglauben (al-kufr al-Alami). Zwischen diesen beiden findet ein „Religionskrieg" bis zur "Endschlacht" (von Armageddon) statt.

Nach Vorstellung der Djihadisten kann diese nur zu Gunsten des rechten Glaubens ausgehen, der von Rechtgläubigen (Muslimen) gefochten wird. Djihad-Terroristen zählen zu den Rechtgläubigen nur die Muslime, die diesen Djihad mit dem Ziel der Kalifats-Errichtung bewaffnet, ideologisch und/oder anders unterstützend (z.B. finanziell) kämpfen.

Zu den internationalen Ungläubigen zählt ein Sammelsurium von „Feinden des lslam", zu denen insbesondere westliche „Kreuzfahrer", „gottlose" Kommunisten, muslimische Kollaborateure und andere Verräter des Glaubens" gehören. Für diese Feinde des Islam gelten keine Schutzfaktoren. Weder Religion, ethnische Zugehörigkeit und Staatsangehörigkeit, noch Geschlecht, Alter und Gesundheitszustand schützen den Feind. Vor den genannten Hintergründen sind in Europa die Anschläge auf den öffentlichen Schienenverkehr in Madrid (11. März 2004, 191 Tote, über 1.800 Verletzte) und London (7. Juli 2005, über 50 Tote und 700 Verletzte) zu sehen. Wir hier im Westen befinden uns (aus Sicht der Djihadterroristen) „mitten im Religionskrieg". Die publizistische Aufmerksamkeit, die wir ihm (bzw. den Anschlägen) schenken, verbreitet den mit Tatvorsatz erzeugten Schrecken und dient letztendlich mehr der psychologischen Kriegführung der Gegenseite. Für diese ist nach wie vor „der Sturz der gottlosen Regime und ihre Ersetzung durch ein islamisches Regime" nicht nur die wichtigste, sondern die finale Mission. Darum geht es al-Qaida und motiviert ihre Kämpfer zum „Opfertod".

paperpress: Außer, dass die Sicherheitsmaßnahmen, beispielsweise für Flüge, extrem verschärft wurden, haben die Terroristen nichts erreicht. Sie haben unsere freiheitliche Grundordnung zwar erschüttert, aber nicht zum Einsturz gebracht. Sie müssten doch einsehen, dass ihr Tun kein Erfolg hat. Warum machen sie dennoch weiter?

Berndt Georg Thamm: Wir haben bis heute nicht die Intensität des religiösen Charakters dieses auf lange Zeit angelegten und asymmetrisch geführten Djihads verinnerlicht. Das Gegenüber schon.

Davon zeugen die Worte des tschetschenischen Warlords Schamil Bassajew (1965-2006), für den der Djihad erst dann beendet war, wenn „das Gesetz Allahs in Jerusalem herrscht“.

Nicht im Koran, aber in den Überlieferungen (Hadith) ergibt sich aus dem Universalitätsanspruch des Islam die Einteilung der Welt. Da gibt es das Gebiet, in dem der Islam schon herrscht (dar al-Islam); und das Gebiet, in dem quasi noch Krieg herrscht, die islamische Herrschaft noch nicht errichtet ist (dar al-harb). Ein Frieden mit dem nichtmuslimischen „Gebiet des Krieges" kann - wenn überhaupt - nur provisorisch sein.

Der Djihad (für einige Gelehrte eine der „Säulen der Religion") dauert letztendlich an, bis der Islam überall die beherrschende Religion ist. „Gott ist unser Streben, der Prophet unser Führer, der Koran unsere Verfassung, der Djihad unser Weg und für Gott zu sterben unser höchstes Ziel", so lauten die Leitworte der Charta der Hamas (1988), die identisch sind mit denen des Gründungsmanifestes der in Ägypten 1928 begründeten Muslimbruderschaft.

Für nicht wenige geistlich-militärische Führer djihadistischer Gruppen/Bewegungen gilt eine freiheitliche Grundordnung, eben unsere „Demokratie als die Herrschaft des Heidentums und Erfindung, die den Werten des Islam widerspricht".

Es sind wir, die einsehen müssen, dass das Gegenüber eben keine Einsicht in unsere Vorstellungswelten entwickelt. Der Erfolg ihres Tuns ist bis zum Erreichen des Zieles grenzen- und zeitlos. Wir stehen, davon bin ich fest überzeugt, erst am Anfang einer Auseinandersetzung, die sich wie ein roter Faden durch das 21. Jahrhundert ziehen wird. In dieser können wir wohl die bewaffneten Djihadisten als Kämpfer für die „Idee von der Errichtung eines globalen Kalifats" mit Waffen bekämpfen, die Idee selbst jedoch nicht. Diese kann nachhaltig wohl nur mit einer anderen, einer Gegen-Idee bekämpft werden, die vornehmlich die Majorität der dar al-Islam überzeugt. Wir haben sie (noch lange) nicht.

Mit Berndt Georg Thamm sprach Ed Koch


Zum Thema passende
Buchtitel von Berndt Georg Thamm

Berndt Georg Thamm hat unzählige Artikel zum Thema Terrorismus veröffentlicht und auch einige Bücher, wovon wir drei vorstellen wollen, die – obwohl Sachbücher – spannend wie Krimis sind. Unter Mitarbeit von Thomas Gandow, Rainer Glagow und anderen erschien ein knappes Jahr nach 9/11 „Terrorismus – Ein Handbuch über Täter und Opfer“. Das Buch gibt einen Überblick über die neuen terroristischen Bedrohungen. Neben den aktuellen Erscheinungsformen des Terrorismus werden aber auch die fließenden Grenzen zwischen Kriminalität, Verbrechen und Krieg, die nachrichtendienstlichen sowie militärischen Aspekte der Terrorismusbekämpfung und die psychosozialen Hilfen für die Opfer vorgestellt. Verlag Deutsche Polizeiliteratur, Hilden 2002, ISBN 3-8011-0457-5, 29,90 Euro.

In einem weiteren Buch zeichnet er die Entwicklung Al Qaidas von der Terrorgruppe zur globalen Bewegung nach und stellt Prognosen für die Zukunft auf. Thamm beschreibt die Ursachen des Hasses auf Ungläubige, er porträtiert die Lehrer des Heiligen Krieges und deren Kämpfer und beleuchtet das Funktionieren des Al-Qaida-Netzwerks als eine Art Franchising-System. Längst kommt die Bewegung Al Qaida auch ohne ihren Kopf Osama Bin Laden aus - der schon heute von seinen Anhängern weltweit als Märtyrer gefeiert wird. – Heinrich Hugendubel Verlag, Kreuzlingen/München 2005, ISBN 3-7205-2636-4, 19,95 Euro.

Dass Islamisten nicht nur Europa und die USA bedrohen, sondern auch die asiatischen Länder, beschreibt Berndt Georg Thamm in „Der Dschihad in Asien“. Viele Muslime, die in China, Russland und den zentralasiatischen Staaten leben, wenden sich islamischen Extremisten zu. Diese planen, von dort aus einen globalen Kalifatstaat zu errichten, so dass weltweit das islamische Gesetz gilt. Zentralasien ist durch seine Rohstoffe und Pipelines von großer Bedeutung für den Westen, daher betrifft es auch uns, wenn dort Islamisten an die Macht kommen. Berndt Georg Thamm schildert die Entwicklungen und die Konflikte, die sich in den Ländern vor Ort abzeichnen und erläutert deren Auswirkungen auf den Westen. Der Autor führte zahlreiche Gespräche mit Sicherheitsexperten und Diplomaten aus Russland und China. Seine Darstellung der gegenwärtigen Situation und der möglichen Entwicklungen basiert auf dieser fundierten Recherche. So ist es ihm auch möglich, statt der bekannten westlichen Einschätzung die Perspektive der betroffenen Länder in den Vordergrund zu stellen. dtv premium, München 2008, ISBN 978-3-423-24652-1, 15,00 Euro.

In der Zeitschrift der Gewerkschaft der Polizei „Deutsche Polizei“ veröffentlichte Thamm im September 2001 über sieben Seiten einen Beitrag über Osama Bin Laden und die Gefahr, dass „Gotteskrieger“ den „Terror nach Europa“ tragen. Osama Bin Laden war zu diesem Zeitpunkt einer breiten Öffentlichkeit relativ unbekannt. Das sollte sich weniger Tage nach Erscheinen der Zeitschrift ändern.
Am 8. September 2001 hielt Berndt Georg Thamm einen Vortrag bei der Hanns Seidel Stiftung in Berlin. Themen u.a. „Afghanistan – Kernland des islamischen Terrorismus“ und „Osama Bin Laden, der ‚liebe Gast’ der Taliban, ‚al-Qaida (das Fundament), Bin Ladens private Terror-Gruppe“. Drei Tage später konnten die Zuhörer des Vortrages live im Fernsehen miterleben, wozu Bin Laden im Stande ist.

Zur Person:
Berndt Georg Thamm

Berndt Georg Thamm ist freiberuflicher Fachpublizist, geb. am 27. Oktober 1946 in Berlin, verheiratet mit der Studiendirektorin i.R. und CDU-Abgeordneten Monika Hannah Thamm; Lebensmittelpunkt seit Jahrzehnten ist der Bezirk Tempelhof-Schöneberg, Ortsteil Schöneberg.

1966: Oberstufenreife in Berlin, 1967: Wehrdienstfreiwilliger bei der Luftwaffe, 1968/69: Soziales Jahr in Israel mit ASF, 1970/73: Studium der Sozialarbeit/Sozialpädagogik an der FHSS Berlin, 1974: Staatliche Anerkennung, 1985: Nachdiplomierung, 1974-1988: Soziale und lehrende Tätigkeit (Drogenberatung, Behandlung, Therapie, Politik, insbesondere Drogenarbeit im In- und Ausland (z.B. Nepal und Indien, Lehrbeauftragter (Drogenpolitik) an Berliner Fachhochschulen, der Pädagogischen Hochschule und Universitäten, Politikberatung (z.B. MdEP in Brüssel von 1985/86 bis 1995). 1988: Freiberufliche Tätigkeiten, Schwerpunktthemen: Rauschgift, Organisierte Kriminalität und Terrorismus im In- und Ausland, insbesondere als Fachpublizist (über 200 Veröffentlichungen, darunter 18 Bücher), Referent für Schutzorgane, insbesondere für Strafverfolgungsbehörden (Polizeiliche Fort- und Weiterbildung), Advisor, insbesondere Beratungstätigkeit für AV und Printmedien, Kontaktarbeit mit/für ausländische Diplomaten (z.B. der VR China 2003-2008). Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Polizeigeschichte e.V., der Clausewitz-Gesellschaft e.V., des Gesprächskreises Nachrichtendienste in Deutschland e.V. und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft e.V.


  
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