Willkommen bei PaperPress Jugendpolitischer Pressedienst
suchen  
Hauptmenü  

Online  
Es sind 4 Besucher und 0 _MEMBER0 online..

Anmeldung

Sprachen  
Sprache auswählen:


  

Kein Bock auf große russische Kultur

geschrieben von: Redaktion am 28.03.2022, 16:06 Uhr
paperpress599 
Andrij Melnyk, der Botschafter der Ukraine in Deutschland, vertritt die Interessen eines Landes, das am 24. Februar von Russland überfallen wurde und dessen Soldaten seitdem einen Vernichtungs-krieg führen, bei dem das Töten von Frauen, Kindern und Senioren billigend in Kauf genommen wird. Das muss man sich immer wieder vor Augen halten, wenn wir dem Botschafter zuhören, der häufig aus unserer Sicht unerfüllbare, aus seiner Sicht aber überlebensnotwendige Forderungen stellt.

Immer wieder wird betont, dass es sich um Putins Krieg handelt und nicht um den der russischen Bürger. Die Vermutung, dass sich die milliardenschweren Oligarchen gegen Putin wenden würden, weil wir ihre Kreditkarten sperren und die Luxusyachten wegnehmen, ist bislang nicht aufgegangen. Putin scheint fest im Sattel seines korrupten Umfeldes zu sitzen. Das Volk wird durch seine Staatspropaganda dumm gehalten.

Heute hat die wichtigste unabhängige Zeitung Russlands, die „Nowaja Gaseta", ihr Erscheinen vorerst eingestellt. „Diese Entscheidung gelte bis zum Ende der russischen Militäraktion in der Ukraine, teilte die Zeitung am Montag in einer im Internet veröffentlichten Erklärung mit.“ Militäraktion ist die amtliche russische Bezeichnung für den Angriffskrieg. Wer das Wort Krieg erwähnt, muss mit einer Gefängnis-strafe rechnen. Ob unsere Demokratie gut beraten ist, das Zeigen des Z-Symbols, das sich auf den russischen Panzern in der Ukraine befindet, unter Strafe zu stellen, darf bezweifelt werden. Das Z ist kein Hakenkreuz. Wer das Z zeigt, ist ein menschenverachtender Dummkopf, aber kein Krimineller.

Was sollen in Berlin lebende Russen zeigen, damit man sie nicht als Unterstützer, sondern als Gegner des Krieges erkennt? Es kann doch nicht sein, dass wir in Berlin jeden Russen für einen Mörder halten und ihn anfeinden, nicht in seinen Geschäften kaufen, nicht seine Restaurants besuchen und erst recht nicht seine Musik hören. Es wird eine Welt nach Putin und dem Krieg geben, wo es wieder darauf ankommt, in guter Nachbarschaft zu leben, auch mit Russen und Belarussen.

Und so war die Initiative von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, ein Konzert im Schloss Bellevue mit Werken ukrainischer, russischer und polnischer Komponisten, vorgetragen von Musiker-innen und Musikern der Berliner Philharmoniker, die aus der Ukraine, Russland, Belarus und Deutschland stammen, gut, aber nicht bis zu Ende gedacht.

Der Versöhnungsgedanke des Bundespräsidenten, der dahinterstecken mag, ist begrüßenswert. Allerdings kommt diese Initiative zu früh. Wenn der Krieg vorbei ist, sollte die Versöhnung mit den Menschen erfolgen, die dazu bereit sind. Und, man sollte sie vorher fragen. Dass die Ukrainer gegenwärtig „keinen Bock auf große russische Kultur haben“, wie es Botschafter Melnyk sagte, ist allzu verständlich, auch wenn man die großen russischen Komponisten nicht für Putin verantwortlich machen darf. Dass aber kein Ukrainer sie gegenwärtig hören will, ist doch nachvollziehbar. Steinmeiers Konzert war keine gute Idee in dieser Zeit.

Die Berliner Zeitung erinnert heute daran, dass Steinmeier im Februar 2021 „Nord Stream 2 als fast letzte Brücke zwischen Europa und Russland bezeichnete und dabei an die sowjetischen Opfer des Kriegs von Nazideutschland erinnerte.“ Melnyk sprach damals von „einer gefährlichen Geschichtsverdrehung.“ Nord Stream 2 kann ja wohl kaum als Wiedergutmachung Deutschlands an Russland gewertet werden. Auf so eine Idee kommt nur jemand, der zu lange mit Gerhard Schröder zusammengearbeitet hat.

Im Juni 2021 wurde in Berlin des 80sten Jahrestages des Überfalls auf die Sowjetunion gedacht. Noch bevor die deutschen Soldaten russischen Boden betraten, verwüsteten sie die Ukraine und das damalige Weißrussland. Steinmeier lud zu einer Gedenkfeier in das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst ein. Dass der ukrainische Botschafter die Einladung nicht annahm, ist verständlich, schließlich hatte Russland die Krim annektiert und führt Krieg im Donbas gegen die Ukraine.

Auch wenn in Karlshorst die Kapitulationsurkunde unterschrieben wurde, ist der Ort nicht per se für eine Gedenkveranstaltung geeignet, an der auch Vertreter der Ukraine teilnehmen können. Ein neutraler Ort wie das Schloss Bellevue wäre besser gewesen. Dabei spielt es keine Rolle, dass vermutlich der ukrainische Botschafter auch an dieser Veranstaltung nicht teilgenommen hätte, weil es schwer erträglich ist, sich mit offiziellen Vertretern Russlands zu treffen.

Diese Erfahrung musste auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller machen. Zum 75sten Jahrestag der Unterzeichnung der Kapitulation für Berlin, lud Müller die Botschafter Russlands, der Ukraine und Belarus zu einer Kranzniederlegung am 2. Mai 2020 ein. Diese sollte nicht in Karlshorst, sondern in Tempelhof stattfinden, denn dort im Haus Schulenburgring 2 wurde die Kapitulation für Berlin in der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1945 unter-schrieben.

Kränze vor dem Haus legten am 2. Mai 2020 jedoch nur der russische und belarussische Botschafter ab. Andrij Melnyk nahm nicht teil. „Er wisse die Einladung des Regierenden Bürgermeisters zu schätzen, sagte Melnyk. ‚Damit wird der unbestrittene Beitrag des ukrainischen Volkes zur Befreiung Europas von der NS-Gewaltherrschaft anerkannt.‘ In der Roten Armee hatten sechs Millionen Ukrainer gekämpft, jeder zweite von ihnen erlebte das Ende des Krieges nicht. Die vollständig besetzte Ukraine war einer der Hauptschauplätze des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges. Mehr als fünf Millionen ukrainische Zivilisten wurden von den Deutschen ermordet. Doch in der deutschen öffentlichen Debatte werden die sowjetischen Opfer oft mit russischen gleichgesetzt. Das Gedenken an die Opfer des Vernichtungskrieges sei für ihn eine moralische Verpflichtung, betonte der Botschafter. Dennoch müsse er der Gedenkfeier am 2. Mai fernbleiben. ‚Nicht einmal im schlimmsten Albtraum könnte ich mir vorstellen, Kränze niederzulegen an der Seite eines Vertreters des Landes, das seit über sechs Jahren zynisch einen blutigen Krieg in der Ostukraine führt‘, sagte Melnyk. ‚Bis heute wurden über 14.000 Ukrainer im Laufe der immer noch andauernden russischen Aggression umgebracht. Jeden Tag und jede Nacht werden meine Landsleute verwundet und getötet.‘“ Quelle: Tagesspiegel

Wie also umgehen mit dem notwendigen Gedenken an den Überfall auf die Sowjetunion und dem Ende des Krieges? Keine Gedenkveranstaltungen durchführen? Das geht nicht. Es muss ein Weg gefunden werden, der die verständlichen Befindlichkeiten der Ukraine berücksichtigt.

Ed Koch


  
Anmeldung  




 


Registrierung

Impressum  
p a p e r p r e s s
Ed Koch (Herausgeber und verantwortlich für den Inhalt)
Träger: Paper Press Verein für gemeinnützige Pressearbeit in Berlin e.V.
Vorstand: Ed Koch - Mathias Kraft
Postfach 42 40 03
12082 Berlin
Email: paperpress[at]berlin.de
PDF-Newsletter-Archiv:
www.paperpress-newsletter.de

Diese WebSite wurde mit PostNuke CMS erstellt - PostNuke ist als freie Software unter der GNU/GPL Lizenz erh�ltlich.