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Stadtentwicklung in Tempelhof-Schöneberg - oder: Krolls Vermächtnis

geschrieben von: Redaktion am 27.07.2018, 16:05 Uhr
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Siegmund Kroll war zwischen 1993 und 2000 für die Stadtplanung in Schöneberg und anschließend bis 2017 für die im Fusionsbezirk Tempelhof-Schöneberg zuständig. Das Lebenswerk des Dipl.-Ing. für Stadt- und Regionalplanung ist in einem gut 300 Seiten umfassenden und 1.300 Gramm schweren, empfehlenswerten Buch nachzulesen. 40 Autoren haben sich neben Kroll an dem Buch mit Geschichten über die Stadtentwicklung der beiden Teilbezirke beteiligt, darunter fast alle Stadträte, die unter ihm tätig waren. Das waren sehr viele und sie gehörten der SPD, der CDU und den Grünen an.

Stadtentwicklung ist ein beliebtes Betätigungsfeld für Politiker, können sie doch nach ihrer Amtszeit immer stolz auf Gebäude und Areale zeigen, die sie mit geplant oder eingeweiht haben. Auf dem Cover des Buches ist eines der wichtigsten Entwicklungs-Projekte des Bezirks abgebildet, das Gelände rund um den Bahnhof Südkreuz, wo 1.700 Wohnungen und Gewerbeflächen entstehen sollen, darunter die Deutschlandzentrale von Vattenfall. Und gleich daneben befindet sich, so Siegmund Kroll, das „Schlüsselprojekt EUREF-Campus“. In 48 Beiträgen, die weder redaktionell verändert noch gekürzt wurden, werden alle relevanten Entwicklungsprojekte des Bezirks vorgestellt. Und das geschieht überwiegen neutral formuliert, möglichst ohne jemand auf die Füße zu treten, obwohl jeder weiß, dass es kaum ein Bauvorhaben gibt, das nicht Widerstand hervorruft und Probleme mit sich bringt. Lediglich in einem Bei-trag über den Breslauer Platz am ehemaligen Rathaus Friedenau lassen die Mitglieder der dortigen Bürgerinitiative Luft ab. Die BI-Mitglieder schildern, wie ihre Pläne zur Umgestaltung des Breslauer Platzes immer wieder durch politische Wechsel verzögert und verwässert wurden. Daran, was ihnen der SPD-Stadtrat Oliver Schworck zugesagt hatte, wollte sich später Daniel Krüger von der CDU, heute für die AfD in Pankow tätig, nicht mehr erinnern. Andere Friedenauer, die nicht zur BI gehören, sprechen von einem „üblen Aufmarschplatz“ den die BI hinterlassen hat, auf dem sich „an manchen Tagen kein Friedenauer aufhält.“

In dem Artikel wird ein Grundproblem der Stadtplanung deutlich: Alles dauert einfach viel zu lange. Die Entscheidungsprozesse, die Genehmigungs- und Beteiligungsverfahren ziehen sich über viele Jahre hin. Wenn man sich allein das Projekt am Innsbrucker Platz, dem ehemaligen Güterbahnhof Wilmers-dorf, in Friedenau gelegen, anschaut, fehlt einem jegliches Verständnis. An diesem Projekt werden besondere Merkmal grüner Stadtplanung erkennbar. Die von 2011 bis 2016 zuständige Stadträtin Dr. Si-byll Klotz (Grüne) erwähnt das Vorhaben in ihrem Buch-Beitrag als exemplarisch für „Herausforderungen mit Ideen“. In Wirklichkeit trägt sie einen nicht unwesentlichen Anteil an der jahrelangen Verzögerung. Nun sollen 1.300 Wohnungen in Sicht sein, was Friedenauer Bürger bestreiten, denn „seit Monaten tut sich dort nichts.“ Fragen dazu wurden vom amtierenden Stadtentwicklungsstadtrat Jörn Oltmann (Grüne) nicht beantwortet, beklagen die Bürger.

Die Kleingartenanlage Säntisstraße in Marienfelde wird in dem Buch nicht erwähnt. Schließlich wurde hier ja auch nichts entwickelt oder geschaffen. Ganz im Gegenteil. Unter der Leitung der zuständigen Stadträtin Klotz wurden vor fast genau fünf Jahren 80 Parzellen auf rund 30.000 qm dem Erdboden gleichgemacht. Die einem Investor aufgrund von dubiosen Luftschlossplanungen erteilte Baugenehmigung für ein Logistikzentrum auf dem Gelände, ist von diesem nie abgeholt worden. Auf der entstandenen Brache suchen heute Ratten Schatten im dichten Gestrüpp vor der Sonne. Nichts von den großartig angekündigten Plänen ist realisiert worden. Die Kleingärtner hätten heute immer noch ihre grüne Oase nutzen können, wenn es nicht im Rathaus Schöneberg eine Reihe von beispiellos inkompetenten Entscheidungsträgern gegeben hätte. Auch die in einer Zählgemeinschaft an die Grünen geketteten Sozialdemokraten, allen voran der stadtentwicklungspolitische Sprecher Christoph Götz, haben sich bei dem Trauerspiel nicht mit Ruhm bekleckert. Nur drei SPD-Bezirksverordnete, Marijke Höppner, Janis Hantke und Jan Rauchfuß haben die Kleingärtner unterstützt.

Die Entwicklung des Tempelhofer Hafens vom Schrottplatz zur maritimen Shopping-Mall beschreibt Joachim Kalläne in einem Beitrag für das Buch. Kalläne war von 1984 bis 2000 im Stadtplanungsamt Tempelhof tätig und seit 2001 an gleicher Stelle für Tempelhof-Schöneberg. Sein Artikel ist ein historischer Rückblick auf die Besonderheit eines inner-städtischen Hafens am Teltow-Kanal. Kalläne hofft in seinem Fazit, dass die „Freizeit-, Kultur- und Sport-angebote von den Bürgern noch besser angenommen und nachgefragt werden und dass dies den Hafen Tempelhof stärker belebt.“ Die Hoffnung stirbt zuletzt. Viele Geschäfte sind im Laufe der fast zehn Jahre „ausgetauscht“ worden. Leerstand gehört zum Bild der Shopping-Mall dazu, wobei dieser nicht bedrohlich scheint. So lange die Ankermieter Media-Markt und EDEKA dem Hafen treu bleiben, muss man sich keine Sorgen machen. Davon, dass die Geschäfte für die beiden Groß-Unternehmen im Ha-fen besonders gut laufen, kann aber wohl keine Rede sein. C&A jedenfalls hat sich schon zurückgezogen.

Bei C&A wird ein Grundproblem des Tempelhofer Hafens deutlich. Die Fläche ist einfach zu klein. Das mag gemütlich wirken, schränkt aber auch ein. Wenn C&A beispielsweise nur zehn verschiedene Herren-anzüge aus Platzgründen anbieten konnte, dann ist das nicht besonders attraktiv. Der geneigte Kunde, den man in Tempelhof halten will, fährt dann doch zu C&A in die Gropius-Passagen oder zur Schlossstraße, wo die Auswahl wesentlich größer ist.

Die langwierigen Probleme, die es bei der Genehmigung für den Tempelhofer Hafen gab, finden in dem Artikel keinen Widerhall. Es fand ein erbitterter Kampf zwischen dem Hafen-Investor, den Händlern des Tempelhofer Dammes und dem Bezirksamt statt. Und innerhalb des Bezirksamtes ging es auch hoch her. Die damalige Stadtentwicklungsstadträtin Dr. Elisabeth Ziemer (Grüne) hatte andere Vorstellungen von dem Einkaufszentrum als die letztlich verwirklichten. In ihrem Beitrag für das Buch, in dem sie sich für eine Stadtentwicklung mit nachhaltiger Wirkung ausspricht, beklagt sie, dass die Einflussnahme, die der Bezirk auf die Planungen gehabt hätte, von einer „Großen Koalition aus SPD und CDU verwässert wurden.“ Während der Amtszeit von Elisabeth Ziemer, 2002 bis 2005, gab es im Bezirk eine Rot-Schwarze Zählgemeinschaft. Elisabeth Ziemer war übrigens die letzte Schöneberger Bürgermeisterin (1996-2002) vor der Fusion mit Tempelhof.

Von 2006 bis 2011 war Bernd Krömer (CDU) Bau-stadtrat von Tempelhof-Schöneberg. In seine Amts-zeit fiel das wohl spannendste Entwicklungsprojekt des Bezirks mit Ausstrahlung auf die ganze Stadt und darüber hinaus. Der EUREF-Campus, der in diesem Jahr auf zehn Jahre zurückblicken kann. Ohne den CDU-Politiker wären der Start und die ersten Entwicklungsschritte nicht so positiv verlaufen. „Politik ist häufig nur bedingt nachvollziehbar, was konkrete Ergebnisse betrifft“, lautet der erste Satz in dem Buchartikel von Bernd Krömer. Auch wenn er diesen Satz gleich wieder relativiert und schreibt, dass dies nicht auf den Bereich Stadtplanung zutreffe, so beschreibt dieser Satz ziemlich genau das, was nach der Amtszeit von Krömer unter der Ägide von Frau Dr. Klotz mit dem EUREF-Campus statt-fand. Dass sich der EUREF-Campus von 2011 bis heute so positiv entwickeln konnte, ist nicht durch, sondern trotz des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg geschehen.

Die Entstehung des EUREF-Campus in den letzten zehn Jahren beschreibt Johannes Tücks in einem spannenden Beitrag für das Buch. Tücks hat gemeinsam mit Reinhard Müller das EUREF-Projekt entwickelt und umgesetzt. Tücks schüttet kein Öl ins Feuer und verzichtet auf kritische Anmerkungen zu den immer wieder erfolgten, letztlich erfolglosen Be-hinderungen des Bezirksamtes. Er hebt richtiger Weise das Positive hervor: „Die Energiewende in Deutschland ist zu einem Exportschlager geworden. Daran haben die derzeit rund 2.500 hoch qualifizier-ten Beschäftigten der unterschiedlichsten Institutionen auf dem EUREF-Campus einen wesentlichen Anteil.“

Jörn Oltmann, der seit 2016 im Amt ist, hat sich vor allem das bezahlbare Wohnen im Bezirk auf die Fahne geschrieben. So ist auch sein Beitrag für das Buch übertitelt. „Es ist unsere politische Aufgabe“, so Oltmann, „das Interesse des Gemeinwohls in jedem Bauvorhaben wieder zu finden. Dies bedeutet, in städtebaulichen Verträgen neben einem ökologischen Ausgleich mehr Qualität und Vielfalt einzufordern. Dies bedeutet aber auch, dass jedes Bauvorhaben eine soziale Komponente haben muss. Der Ausgleich der unterschiedlichen Interessen und die Bewältigung der komplexen Aufgaben lassen sich meiner Meinung nach am besten durch Kooperation lösen.“ Friedenauer Bürger, die sich an uns gewandt haben, schreiben: „Auffällig in Friedenau ist, dass derzeit erstaunlich viele Dachgeschosse ausgebaut werden. Da entstehen Wohnungen, die wahrlich nicht unter den Begriff ‚bezahlbares Wohnen‘ fallen.

Ed Koch

Das Buch kostet 20 Euro und ist im Stadtentwicklungsamt im Rathaus Schöneberg, Raum 2008/3009 erhältlich sowie in den Museen des Bezirks, in Kürze auch in Buchhandlungen.


  
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