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Ein Dorfschulze, wie er im Buche steht - Zum Tode von Siegmund Jaroch

geschrieben von: Redaktion am 13.01.2016, 08:15 Uhr
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Siegmund Jaroch war der klassische Dorfschulze, so wie man früher die Funktion eines Bürgermeisters definierte. Immer vor Ort, für jeden ein gutes Wort, Gemütlichkeit ausstrahlend, aber den Laden (Das Dorf/den Bezirk) im Griff haben. Was Werner Salomon (1979 bis 1992) für Spandau, war Siegmund Jaroch (1975 bis 1991) für Tempelhof. Volksnah und bei den Bürgern beliebt.

In dieser Woche stand auf meiner ToDo-Liste Siegmund Jaroch anrufen, denn er hatte sich lange sich gemeldet. Am 23. Juli des letzten Jahres wa-ren wir mal wieder in kleiner Runde „Ehemaliger“ essen. Jaroch rief mich zwei- bis dreimal im Jahr an und sagte, wir müssen mal wieder essen gehen: „Der Andreas Schwager soll seine Frau mitbringen. Und sagen Sie auch dem Antoch und dem Baum-gart Bescheid.“ Ich organisierte die Treffen und Andreas Schwager, der für Jaroch im Rathaus Tempelhof tätig war, holte ihn mit seinem Auto ab. Es dauerte in den letzten Jahren immer länger von seiner Wohnung im ersten Stock eines Hauses in der Monopolstraße bis zum Wagen. Das Laufen fiel ihm schwer und er klagte über Schmerzen. Im Res-taurant angekommen und Platz genommen, fühlte er sich wohl. Geistig rege mit guter Erinnerung an die gemeinsame Zeit im Bezirksamt. Klaus Antoch war wie ich Mitarbeiter des Jugendamtes und seit frühen Tagen mit Jaroch befreundet. Fred Baumgart war der Hoffotograf des Bezirksamtes. Im Juli 2015 rief Jaroch mich an und bat darum, zu unserem nächsten Treffen den früheren Bezirksamtsdirektor Hansjürgen Pieszek und dessen Frau einzuladen. Nach Jahrzehnten sahen sich die beiden Verwaltungschefs wieder. Es war unser letztes Treffen.

Am 20. November wurde Jaroch 89 Jahre alt. Den 90sten in diesem Jahr wollten wir noch feiern. Das war fest verabredet. Sein gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich jedoch im Herbst und er muss-te seine geliebte Wohnung in der Monopolstraße, in der er fast sein ganzes Leben verbrachte, mit ei-nem Platz im Pflegeheim tauschen. Am 9. Januar starb Siegmund Jaroch.

Schon in der Nummer 1 von paperpress, die am 1. Dezember 1976 erschien, war uns Siegmund Jaroch, der Bürgermeister von Tempelhof, eine Meldung wert, nämlich zu seinem 50sten Geburts-tag.

Geboren wurde Siegmund Jaroch in Stettin. An der Eckener-Oberschule in Mariendorf baute er sein Abitur. 1947 begann er seine Karriere beim Bezirk-samt Tempelhof als „Lehrling“. Noch im selben Jahr trat er der CDU bei. Von 1959 bis 1965 war er erstmals Mitglied des Berliner Abgeordnetenhau-ses, in das er von 1991 bis 1995 noch einmal zu-rückkehrte. Dazwischen lagen viele Jahre Kommu-nalpolitik für Tempelhof. Am 25. Februar 1965 wur-de Siegmund Jaroch in das Bezirksamt gewählt. Er übernahm das Dezernat Finanzen und Wirtschaft. Im „Tempelhofer Pohlezettel“ stellte sich Jaroch als neuer Wirtschaftsstadtrat vor.

Die Motzener Straße war damals im Baunutzungs-plan als Gewerbegebiet vorgesehen. Die Verbrau-cheraufklärung und –beratung, teilte Jaroch mit, liege ihm besonders am Herzen. Alles Themen, die ihre Bedeutung über Jahrzehnte hinweg behalten haben. Die Motzener Straße hat sich zu einem beispielhaft gut vernetzten Gewerbegebiet in Marienfelde entwickelt, ein Vorzeigeprojekt, beispielgebend für viele andere. Und aus der Verbraucheraufklärung ist die Wirtschaftsberatung und –förderung geworden, heute eine Serviceeinheit, die es in jedem Bezirk gibt.

Als Jaroch ins Bezirksamt kam, sah er sich einer überwältigenden SPD-Mehrheit gegenüber, nur zwei von sieben Stadträten gehörten seiner Partei an, alle anderen der SPD. Chef im Rathaus war Bernhard Hoffmann, ein ebenso charmanter wie freundlicher Bürgermeister, der ein hohes Ansehen in der Bevölkerung genoss. Aber schon immer ent-schieden die Bürger eher nach landespolitischen, denn nach bezirklichen Aspekten. Und so nahm Jaroch der SPD sechs Jahre später den Posten des stellvertretenden Bürgermeisters ab. Damals dauerte die Wahlperiode eines Stadtrates noch sechs Jahre, unabhängig von der vierjährigen Legislaturperiode des Parlaments. Inzwischen hatte die CDU drei von sieben Stadtratsposten.

Trotz der Beliebtheit des SPD-Bürgermeisters Bernhard Hoffmann, verlor dieser 1975 die Wahl. Damals gab es noch keine Zählgemeinschaften. Die stärkste Fraktion stellte den Bürgermeister, Basta! Und das war folgerichtig Siegmund Jaroch, der nun am Ziel seiner Träume war. Vom Auszubildenden zum Chef in 28 Jahren. Bernhard Hoffmann, damals 55 Jahre alt, verabschiedete sich und ging nicht ins Bezirksamt. Die CDU stellte nun vier der sieben Stadträte. Das Blatt hatte sich im Laufe der Jahre gewendet. 16 Jahre lang war Bernhard Hoffmann Mitglied im Bezirksamt, zehn Jahre davon als Bürgermeister. Auch für Siegmund Jaroch spielte die Zahl 16 eine Rolle, denn er war 16 Jahre lang Bürgermeister von Tempelhof und verteidigte den Chefsessel immer wieder erfolgreich für die CDU. Das blieb so bis zur und nach der Fusion mit Schöneberg; erst 2001 war im neuen Bezirk die SPD wieder an der Reihe, einen Bürger-meister zu stellen, allerdings nur, weil es inzwischen Zählgemeinschaften gab. Stärkste Fraktion blieb die CDU, bis zu den Wahlen am 17. September 2006, dann aber wieder ab 2011.

Als Siegmund Jaroch 1991 aufhörte, um noch ein-mal für vier Jahre ins Abgeordnetenhaus zu gehen, hatte er den Beliebtheitsgrad in der Bevölkerung von Bernhard Hoffmann längst erreicht. Siegmund Jaroch war überall im Bezirk, oft hatte man den Eindruck, er wäre gleichzeitig an verschiedenen Stellen gesehen worden. Kein Anlass war ihm zu gering, um unter seinen Tempelhofern sein zu kön-nen. Seine Beliebtheit war nicht nur eine Außenan-gelegenheit, sondern galt auch für das Innenver-hältnis zu den Beschäftigten beim Bezirksamt. Er hatte aber auch seine Eigenheiten, so erschien er zwar bei jeder Personalversammlung, ging aber demonstrativ nach der Rede des Vorsitzenden und stellte sich nicht der Diskussion. Dies überließ er stets seinem Bezirksamtsdirektor.

Am 31. März 2000 wurde Siegmund Jaroch zum Stadtältesten von Berlin ernannt.

Siegmund Jaroch war vor allem ein gerechter Bür-germeister. Er anerkannte Leistungen und Enga-gement und stellte diese vor die politische Über-zeugung des anderen. Das Verhältnis zwischen den Jugendgruppen im Freizeitheim „Bungalow“ am Mariendorfer Damm, zu denen auch Paper Press gehörte, und den jeweiligen immer der CDU ange-hörigen Jugendstadträten, war oft mehr als ge-spannt. Teilweise mussten die Auseinandersetzun-gen vor Gericht ausgetragen werden. Jaroch hielt sich aus diesen Geschichten zwar heraus, unter-stützte und begleitete die Jugendprojekte des „Bungalow“ aber freundschaftlich entgegen der Parteilinie. Jaroch war auch Kreisvorsitzender der CDU Tempelhof.

Vor allem die Jugendbegegnungsreisen nach Nor-wegen hatten in Jaroch einen Freund gefunden. In seinem Urlaub besuchte Jaroch den Ort Rena, mit dem Paper Press partnerschaftliche Beziehungen pflegte. Und wann immer Jugendliche von dort nach Berlin kamen, richtete er einen Empfang für sie im Rathaus Tempelhof aus. Vor allem verband ihn eine herzliche Freundschaft mit Agnes Helgesen, die die Jugendbegegnungen in Norwegen organisierte.

Immer wieder erkundigte er sich nach dem Befin-den von Agnes und fragte, wann sie mal wieder nach Berlin käme. Im November 2014 war es so weit. Agnes Helgesen besuchte Berlin und Sieg-mund Jaroch lud sie zum Essen ein.

Wir trauern um einen wichtigen Bürgermeister des Bezirks Tempelhof, um einen großartigen Menschen und guten Freund.

Ed Koch



  
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